Köhler mischt sich unter die Leute

Begegnungen des Bundespräsidenten bei seinem ersten Besuch als Staatsoberhaupt mit der Stadt und ihren Menschen

Freiburger Bürgerengagement und Freiburger Bürgerstolz: Von beidem hat Bundespräsident Horst Köhler gestern bei einem fünfstündigen Besuch in der Stadt einen Eindruck bekommen: im Münster und im Stadttheater, bei ungeplanten Gesprächen mit Bürgern und Studenten. Anlass für den ersten Freiburgbesuch Köhlers als Bundespräsident war die Jahrestagung Deutscher Stiftungen.

Von unserem Redakteur Hans-Henning Kiefer

Kurz vor 9 Uhr rollt ein Konvoi von Limousinen vors Hauptportal des Münsters, wo zu morgenstiller Stunde kaum jemand Notiz vom Bundespräsidenten nimmt. Bei einem Gottesdienst erinnert Erzbischof Robert Zollitsch an die Leistung der Freiburger beim Bau des Gotteshauses. Beispiele bürgerschaftlichen Engagements stellt sein evangelischer Amtsbruder, Landesbischof Ulrich Fischer, in den Mittelpunkt seiner Predigt. Durch den Südausgang lotst Oberbürgermeister Dieter Salomon den Bundespräsidenten dann auf den Münsterplatz. "Wir würden uns freuen, wenn Sie uns mitteilen ob’s geschmeckt hat". Mit einem Korb voll Frischem von Feld und Garten begrüßen die Denzlinger Landwirte Walter Schwaab und Ringold Wagner den Präsidenten. Lothar Böhler von der Stiftungsverwaltung und Stadthistoriker Peter Kalchthaler erklären vor dem Wentzingerhaus einem beeindruckten Köhler die reiche Freiburger Stiftungslandschaft. Schulklassen aus Schutterwald und Gottenheim nähern sich vorsichtig dem Präsidenten-Tross. Ein "Guten Morgen" Köhlers bricht das Eis, er bekommt Blumen von Unbekannten - "weil Sie so menschlich sind".

Nach eine halben Stunde geht’s im Auto zum Theater - nur die Limousine von Baden-Württembergs Innenminister Rech bleibt in einem Bächle zunächst stecken. Viel Beifall bekommt der Bundespräsident für seine Rede vor den Vertretern der Stiftungen im Stadttheater, das Dieter Salomon als Beispiel für Freiburger Bürgerengagement und Bürgerstolz preist. Als Köhler bei der Verleihung einer Goldmedaille das kostbare Stück aus der Hand rutscht, hebt er sie vom Boden auf und beißt darauf: "Mal sehen, ob sie auch echt ist". Beifall für die clevere Reaktion ist ihm sicher.

Anschließend, vor dem Theater, ignoriert Köhler den Protest von rund 150 Studierenden. Zunächst. Der Bundespräsident und die Stifter marschieren zu Fuß - die Studenten hintendrein - zum Konzerthaus, zum Empfang der Stadt. Eine Kette von Polizeibeamten schirmt die Studenten ab. Sprechchöre: "Wir wollen Köhler sehen." Der kommt nach dem Empfang, von Bodyguards umringt, steigt nicht in die Dienstlimousine, sondern mischt sich unter die Studenten, diskutiert mit ihnen. "Bildungsgerechtigkeit ist die wichtigste Form der Gerechtigkeit." Applaus.

Die Rede Köhlers unter www.badische-zeitung.de/dokumente


Quelle: Badische Zeitung vom Samstag, 14. Mai 2005