Als das Radiomachen noch illegal war

20 Jahre nach dem ’’Radiofrühling’’ bei Radio Dreyeckland erinnern sich die Aktiven von damals

Von unserer Mitarbeiterin Anja Bochtler

Wenn Ursi Aeschbacher, die damals Ursi Kollert hieß, und K.-Michael Menzel erzählen, werden die alten Zeiten lebendig: Erinnerungen an verklärte Momente während des "Radiofrühlings", der im April vor 20 Jahren begann und erst drei Jahre später zu einer legalen Lizenz für Radio Dreyeckland führte - den Alternativsender, der ursprünglich als Sprachrohr der Anti-Atomkraft-Bewegung entstanden war.

Von damals sind fast nur Fotos geblieben. Bilder von Menschenmengen, Demos, Polizisten. Niemand von den Interessierten unterschiedlicher Altersstufen, die am Samstag beim Tag der offenen Tür auf dem Grether-Gelände die Studios von Radio Dreyeckland kennen lernten, war vor 20 Jahren dabei. Aber im Hintergrund laufen Ausschnitte aus den Sendungen vom April 1985. Und Ursi Aeschbacher und K.-Michael Menzel sind da, zwei, die vor 20 Jahren beim "Radiofrühling" aktiv waren.

Die Sendungen von damals klingen heute "verwackelt und sehr emotional", sagt Ursi Aeschbacher. Kein Wunder: Die Radiomacher des "Radiofrühlings" hatten weder ein eigenes Studio noch eine Frequenz, sendeten erst von wechselnden Orten auf dem Grether-Gelände, später von allen möglichen Ecken der Stadt aus, besetzten Frequenzen anderer Sender. Immer illegal, im Wettlauf mit der Polizei. Da kam es zu Momenten wie dem, den Ursi Aeschbacher als "irres Erlebnis" beschreibt: Als der Hof des Grether-Geländes voller Menschen war, von denen viele Radiogeräte mitgebracht hatten. Die Polizei war da, alle glaubten, der Standort des Senders sei entdeckt worden. Die Radios auf dem Hof waren stumm. Dann beschlossen die Radiomacher, weiter zu senden - und plötzlich hallte "Radio Dreyeckland" aus den unzähligen Radios über den Hof.

Solche Momente waren es, die Auftrieb zum Weitermachen gaben. Obwohl die Angst immer da war, erinnert sich Ursi Aeschbacher: "Wir wussten ja nie, wie es ausgeht." Doch sie war eine von denen, die auf die breite Unterstützung in der Bevölkerung setzte - und bei den Demos von Tausenden bestätigt wurde. Auch die Anklage gegen sie wurde schließlich wegen Geringfügigkeit eingestellt - wie alle Verfahren. Im Gegensatz zu Ursi Aeschbacher, die mittlerweile in der Schweiz lebt und den Verlag "Die Brotsuppe" gegründet hat, ist K.-Michael Menzel immer bei Radio Dreyeckland geblieben, ist dort heute zuständig für die "linke Presseschau".

Vor 20 Jahren kämpfte er als Student darum, dass breitere Bevölkerungsschichten in den Medien auftauchen. Mittlerweile kämen in den Medien zwar mehr Menschen zu Wort, bilanziert er kritisch - "aber völlig pervertiert": von "Big brother" bis zu den täglichen Nachmittagsshows. Einer von vielen Gründen, warum er es nach wie vor wichtig findet, den kommerziellen Medien ein "freies Radio" entgegenzusetzen.


Quelle: Badische Zeitung vom Montag, 25. April 2005