Der lange ’’Kampf um die geschichtliche Wahrheit’’

Viele scharfe und ein paar versöhnliche Töne bei der ’’Kulturpolitischen Jahresveranstaltung’’ der Vertriebenen in Bad Krozingen

BAD KROZINGEN (hcw). Es hätte auch ein gemütliches Seniorenkaffeekränzchen sein können, zu nachmittäglicher Stunde, mit Kuchen und Blasmusik. Hätten da nicht bunte Fahnen mit Adlern, Greifen und Kreuzen an der Wand gehangen. Hätte da nicht ein Leiterwagen auf der Bühne gestanden, mit der Aufschrift "Flucht" darauf und hätte nicht Wolfgang Fiolka vom "Kampf um die geschichtliche Wahrheit" gesprochen. Der Kreisverband Breisgau-Hochschwarzwald des Bundes der Vertriebenen (BdV) hatte ins Kurhaus Bad Krozingen zu einer "Kulturpolitischen Jahresveranstaltung" geladen.

Februar 1945: grimmige Kälte, 20 Grad unter Null - BdV-Kreisvorsitzender Fiolka rief noch einmal die Zeit vor 60 Jahren in Erinnerung. Unschuldige Menschen hätten sich vor allem in Dresden in Sicherheit zu bringen versucht. Doch dort habe sie der "Bombenterror der Angloamerikaner voll in den Tod getrieben". Am 8. Mai feiert man 60 Jahre Befreiung von der NS-Diktatur und Kriegsende. Nach Fiolka begann danach aber ein neuerlicher "Krieg", ein "Massaker" an unschuldigen Flüchtlingen aus Schlesien, Pommern, dem Sudetenland, West- und Ostpreußen.

Fiolka nannte die 1950 in Stuttgart verabschiedete "Charta der Vertriebenen", die schon damals von Verzeihung und Versöhnung geprägt gewesen sei. Das ist nach Fiolka die geschichtliche Wahrheit. Doch die habe die deutsche Politik stets geleugnet. Der Kreisvorsitzende wetterte vor allem gegen die rot-grüne Bundesregierung. Unter ihr sei es "Vertreiberstaaten" wie Polen und Tschechien gelungen, in die EU aufgenommen zu werden, ohne sich ihrer eigenen Geschichte stellen und ohne "Unrecht" wie die Benes-Dekrete, aufheben zu müssen. (Benes war 1945 tschechischer Ministerpräsident. Er verfügte die entschädigungslose Enteignung des Besitzes der Deutschen und ihre Heranziehung zur Zwangsarbeit). Als unverzichtbar und überfällig nannte er das in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen. Ohne das und ohne die Vertriebenen einzubeziehen, könne es keine Aufarbeitung der deutschen Geschichte geben.

Bad Krozingens Bürgermeister Ekkehart Meroth nannte in einem Grußwort, was nach 1945 den zwölf Millionen Heimatvertriebenen widerfahren sei, "eines der größten Verbrechen der Menschheit auf Vertreibungen bezogen" und Benes "einen der großen Verbrecher des 20. Jahrhunderts". Bad Krozingens Bürgermeister sprach von einer "selektiven Aufarbeitung der Vergangenheit", davon, dass sich nur die Deutschen den von ihnen verübten Verbrechen gestellt hätten, die andere Seite indes nie. Meroth verglich den Bombenangriff auf Freiburg vom 27. November 1944 mit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Der übertriebene Nationalismus von damals sei umgeschlagen in übertriebenen Kosmopolitismus heute. Der deutschen Jugend fehle es an Patriotismus.

Dass nicht alle Jugendlichen solch ein Defizit haben, bewies der 23-jährige Nico Glöckner von der Sudetendeutschen Jugend. Der Jurastudent forderte mit einer schwarz-rot-goldenen Schärpe über der Brust, die Benes-Dekrete "auf den Müllhaufen der Geschichte" zu werfen.

Zu einem "Ja, aber . . ." bekannte sich Arnold Tölg, Vorsitzender des Landesverbandes Baden-Württemberg des Bundes der Vertriebenen. Ja, die Deutschen hätten im Nationalsozialismus furchtbare Verbrechen begangen, aber Polen und Tschechen nach 1945 eben auch. Die vertriebenen Deutschen seien mitunter in denselben Konzentrationslagern als "rechtlose Sklaven" gefangen gewesen wie zuvor jene NS-Opfer, denen man heute, 60 Jahre nach Kriegsende gedenke. Das gelte es anzuerkennen im Jahre 2005, das zum "Jahr der Wahrheit" werden müsse.


Quelle: Badische Zeitung vom Freitag, 25. Februar 2005