Protest in eigener Sache

Das Archiv Soziale Bewegung kämpft um seine Existenz

Von unserer Redakteurin Katharina Fraunhofer

Zur Erinnerung an die Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk in Wyhl vor 30 Jahren hat das Archiv Soziale Bewegung (ASB) in Freiburg nun eine CD-ROM herausgebracht. Doch diese Neuerscheinung dient auch einer anderen Protestbewegung, nämlich der eigenen. Die Macher wehren sich dagegen, dass die Stadt Freiburg die Zuschüsse für das Archiv kürzen will: von 31 550 Euro im Jahr 2004 auf weniger als die Hälfte in diesem Jahr (14 000 Euro). 2006 soll der Zuschuss ganz entfallen. Damit steht das ASB in seiner jetzigen Form vor dem Aus.

Die neue Anti-AKW-CD "Nai hanmer g’sait" soll die Öffentlichkeit auf das ASB und seine finanzielle Misere aufmerksam machen. Sie ist neben den vierteljährlich erscheinenden Chronologien, die das ASB veröffentlicht, die vierte CD des Archivs. Es finden sich darauf digitalisierte Flugblätter, Fotos, Zeitungsartikel und Radiosendungen, insgesamt 800 Druckdokumente, 60 Minuten Tonbeiträge und Filmausschnitte - alles aus den heißen Jahren der Anti-AKW-Bewegung von Wyhl (1969-1975). "Niemand außer uns hätte diese CD so zusammenstellen können", meint Volkmar Vogt, Volkskundler und einziger Angestellter des ASB. Denn keine andere Stelle in der Region sammle so konsequent Material von den vielen Bürgerinitiativen, Vereinigungen und alternativen Gruppen. Seit der Gründung des Archivs im Jahr 1983 haben sich dort mehr als 100 000 Flugblätter, 1000 Zeitschriftentitel, 4000 Broschüren und Plakate sowie Ton- und Filmdokumente angesammelt.

Etwa 600 Besucher kommen jährlich in die Räumlichkeiten auf dem Grethergelände, schätzt Archivar Vogt. Es sind viele Studenten dabei - vor allem Historiker - aber auch Bürger aus der Region, die in Erinnerungen schwelgen oder mehr über die neuere regionale Geschichte erfahren wollen. Die Kopie eines Dokuments kostet 35 Cent, der Eintritt ins Archiv ist kostenlos. Viele Einnahmen hat das ASB dadurch nicht. Jährlich kommen durch Kopien, den Verkauf von CDs und Spenden zwischen 2000 und 5000 Euro zusammen. Für die Jahre 2005 und 2006 hat das ASB einen Zuschussantrag an die Stadt gestellt - über 44 000 Euro pro Jahr.

"Die Arbeit und Qualität des in seiner Ausrichtung bundesweit fast einzigartigen Archivs wird von der Verwaltung ohne Abstriche positiv beurteilt", heißt es im städtischen Haushaltsentwurf. Doch so viel Geld wie bisher mag die Verwaltung für das ASB nicht mehr ausgeben. Derzeit wird überlegt, ob es nicht günstiger wäre, den Bestand in das Stadtarchiv einzugliedern. Ob er dort allerdings weiter ausgebaut werden würde, ist fraglich. "Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zum Stadtarchiv, aber die können das nicht", sagt Archivar Vogt. Wichtig bei seiner Arbeit seien vor allem die Kontakte zur Szene, die habe man beim Stadtarchiv einfach nicht: "Oder glauben Sie, eine autonome Gruppe liefert ihre Demo-Flyer bei einem Amt ab?" Auch von einem möglichen Verkauf des ASB an die Reemtsma-Stiftung in Hamburg ist Vogt nicht restlos begeistert: "Das wäre schlecht für die Leute aus unserer Region." Zur Erhaltung des ASB müsste also irgendwo Geld herkommen. Möglicherweise von einem Förderverein oder einem Wirtschaftsunternehmen als Sponsor? "Wir hatten noch nie Kontakt zur Wirtschaft", sagt Vogt, "aber wir haben da keine Berührungsängste. Was wir allerdings bräuchten, wäre eine institutionelle Unterstützung zur Deckung unserer Fixkosten, nicht mal 1000 Euro hier und 500 Euro da."


Quelle: Badische Zeitung vom Dienstag, 15. Februar 2005