Ausgrenzung hat Gesichter

Gedenken an die Befreiung des KZ Auschwitz holt die Freiburger "Judenschule" in die Gegenwart

"Ich warne vor einer Anonymisierung", sagt Bürgermeister Ulrich von Kirchbach. Und die Veranstaltung zum Gedenken an die Befreiung des deutschen Konzentrationslagers im polnischen Auschwitz vor 60 Jahren nimmt die Warnung ernst: Im Historischen Kaufhaus steht am Donnerstagabend die Freiburger Zwangsschule, in die jüdische Kinder gehen mussten, im Mittelpunkt. Und plötzlich bekommen das Elend der Ausgrenzung und das Leid der Verfolgung Gesichter.

Wesentlichen Anteil daran hat die Geschichtswerkstatt der Lessing-Realschule, wo die "Judenschule" zwischen 1936 und 1940 untergebracht war. Mehr als 60 jüdische Kinder besuchten sie, haben Schülerinnen und Schüler zusammen mit ihrer Lehrerin Rosita Dienst-Demuth während der vergangenen drei Jahre herausgefunden. "Mehr als sechzig Jahre lang waren diese Kinder an unserer Schule vergessen", stellt der Zehntklässler Marco de Nardo fest. Mittlerweile haben die Jugendlichen den Vergessenen ihre Namen wiedergegeben und den Lebensläufen nachgespürt.

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Sie mussten einst in die Zwangsschule für jüdische Kinder: Kurt Judas, Renate Haberer Krauss und Sylvia Ruth Gutmann.

So sind sie auch auf Kurt Judas gestoßen, der wie alle anderen badischen Juden am 22. Oktober 1940 in das deutsche Konzentrationslager im südfranzösischen Gurs transportiert wurde. Er überlebte als einziger seiner Familie, baute sich in den USA ein neues Leben als Bäcker auf und schwor sich, niemals nach Deutschland zurückzukehren. Dass er nun doch im Kaisersaal dabei ist, ist das Verdienst von Marco de Nardo und Tobias Schätzle. Immer wieder telefonierten sie mit ihm in den USA. Bis sie ihn überzeugt hatten, und der 73-Jährige gibt zu: "Jetzt ist es eine Freude, in die alte Heimat zurückzukommen."

Ähnlich ergeht es Renate Haberer Krauss, für die als sechsjährige "Zwangsschülerin" jener 22. Oktober ebenfalls der letzte Tag in Deutschland war. "Jetzt bin ich wieder in Freiburg, und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gut mir das tut." Die 71-Jährige lebt in Illinois (USA) und ist aufgrund ihrer Gespräche mit den Realschülerinnen und -schülern überzeugt: "Diese Jugendlichen werden sichermachen, dass so etwas wie damals nicht mehr passiert." Solche Demütigung und Entwürdigung zu verhindern, scheinen ihr auch jene Stolpersteine hilfreich, die - ins Pflaster vor Häusern eingelassen - daran erinnern, dass hier einst jüdische Kinder, Frauen und Männer wohnten. Renate Haberer Krauss: "Diese Stolpersteine auf deutschem Boden sagen, dass die Menschen einmal hier waren und hierher gehören."

Nicht zu vergessen, das ist auch für Rosita Dienst-Demuth der entscheidende Punkt. "Wenn junge Leute sich für die Schicksale von Überlebenden und Ermordeten interessieren - dann bewegt sich etwas." Und das ist bis heute nötig. Denn, macht Ulrich von Kirchbach deutlich: "Auschwitz ist weit weg - aber der Weg dorthin beginnt ganz nahe bei uns."

gmk, siehe "Kommentar" Die Zwangsschule, eine Ausstellung der Geschichtswerkstatt der Lessing-Realschule, ist noch bis zum 5. Februar in der Stadtbibliothek am Münsterplatz zu sehen.


Quelle: Badische Zeitung vom Samstag, 29. Januar 2005