Im Fichtelgebirge beißen Nazis auf Granit

Eine Diakonin als "Mutter Courage" des Widerstands / Vielgelobter Wunsiedler "Bürgersinn gegen Bekloppte" / Laute Linke, Rechte in Angst

In Wunsiedel wird nicht zugeschaut, sondern hingesehen. Der Satz von Joachim Gauck - einst oberster Nachlassverwalter des Stasi-Unrechts - beschreibt wohl am deutlichsten, warum der Widerstand gegen alte und neue Nazis in Wunsiedel bundesweiten Vorbildcharakter hat. Und weil das vielstimmige Nein aus der kleinen Stadt zu den großen Aufmärschen des braunen Mobs sogar zu einem vom Verfassungsgericht bestätigten Verbot gehörig beigetragen hatte, wurde am Samstag gefeiert: Erstmals nach vier Jahren mussten die Braunen draußen bleiben, während drinnen in der Stadt Polit-Prominenz und Bürger beim "Tag der Demokratie" vereint und bunt gegen Rechts zu Felde zogen.

WUNSIEDEL - Tausende bunter Luftballons schweben den dunklen Regenwolken entgegen. Sie sind ein Teil der ungeheuer vielfältigen und ebenso kreativen Aktionen. Aktionen, mit denen die Wunsiedler fast zwölf Stunden lang beweisen, dass der ernsthafte Kampf gegen Rechtsextremismus, Fremdenhass und Intoleranz durchaus Spaß machen kann.

Den hat sicherlich auch Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe. Er verabschiedet ein ganzes Bündel bunter Ballons nach oben, als der Marsch von 1000 Bürgern vor der Haupttribüne in der Stadtmitte Halt macht. Neben Stolpe steht Barbara Stamm, Vizepräsidentin des bayerischen Landtags und somit laut Protokoll die zweithöchste Staatsreprösendtantin an diesem Tag. Als die Promis die Bühne betreten, werden sie dort von vier lebenden Säulen des Wunsiedler Widerstands begrüßt.Landrat Peter Seißer, Bürgermeister Karl-Willi Beck, Bürgerinitiativen-Sprecher Matthias Popp und Andrea Heußner.

Wie wohl der Erfolg viele Väter hat, so ist es mit der Diakonin Andreas Heußner doch eine Frau, die den Funken zündete. Die engagierte und mutige Kämpferin - am Samstag macht gar das Wort von der "Wunsiedler Mutter Courage" die Runde - war es, die den Stein ins Rollen brachte. Dass heute die Nazis im steinreichen Fichtelgebirge auf Granit beißen - übrigens das Motto der benachbarten Bürgerinitiative aus Tröstau - ist zu einem Großteil der Diakonin und der von ihr aus der Traufe gehobenen "Jugendinitiative gegen Rechtsextremismus" zu verdanken.

Jung und laut geht es auch auf der Bühne zu, bevor die Politiker und anderen Redner das Wort haben. "Wir bekennen heute Farbe, zeigen unser Gesicht. Unser Deutschland ist bunt, die Nazis brauchen wir nicht." So lautet der eingängige Refrain des Hip-Hop-Songs, den die Hoferin Lara Spindler alias T-LA, Sängerin Lumik und Produzent Hendrik Ertel extra für den Demokratie-Tag geschrieben haben.

In erstaunlich junger Sprache wendet sich dann Joachim Gauck an die bereits beträchtlich geschrumpfte menge, die inzwischen unter Regenschirmen Schutz gefunden hat. Der Vorsitzende des "Vereins gegen das Vergessen" ist begeistert, mit welch ausgeprägtem Bürgersinn die Wunsiedler gegen "die Bekloppten" kämpfen, "gegen die Spinner und Ewiggestrigen", wie Gauck die Nazis nennt. Gaucks Nachredner Stolpe - immer wieder unterbrochen von gellenden Pfiffen und "Staat-hau-ab"-Sprechchören einiger weniger Autonomer - sagt Danke. Danke, weil so viele Wunsiedler und ihre engagierten Nachbarn dafür sorgen, "dass mit großer Entschlossenheit den Nazis der öffentliche Raum nicht überlassen wird". Stolpe fordert den Konsens aller Demokraten, weil "Rassismus und Intoleranz nie wieder zu deutscher Politik werden dürfen". Dies hatte am Vormittag bereits Grünen-Vorsitzende Claudia Roth so gesehen und parteiübergreifende Arbeit angemahnt.

Angesichts der Tatsache, dass über 50 Vereine und Verbände an diesem Tag in Wunsiedel Flagge zeigen, sagt Stolpe: "Hier sehen wir das wirkliche Wunsiedel. Einst geliebt von Goethe und Königin Luise und heute ein Symbol für Demokratie und Toleranz und eine deutliche Absage an alle Nazis."

Das wohl dickste Lob kommt indirekt aus dem Munde von Innenminister Otto Schily. Wolfgang Arnold, Chef des dem Ministerium direkt nachgeordneten "Bündnis für Demokratie und Toleranz" zitiert Schily, der den Wunsiedlern attestiert, einen "einzigartigen Protesttag gegen den braunen Spuk geprägt" zu haben. Dieser Protest wurde ganz konkret bei der "Meile der Demokratie", wo in Wunsiedel ein ganzer Straßenzug mit Ständen und Buden verschiedenster Organisationen die Schau- und Informationslustigen lockte.

Apropos brauner Spuk: Nach dem Verbot des Heß-Gedenkmarsches in Wunsiedel waren die Neonazis an mehrere Alternativ-Veranstaltungsorte ausgewichen. Dort allerdings sahen sie sich mit einem nicht minder großen Aufgebot der Polizei und Gegendemonstranten konfrontiert. Allein in Nürnberg waren 1500 Menschen einem Aufruf von OB Ulrich Maly gefolgt, um gegen den Zug von etwa 350 NPD-Anhängern zu protestieren. Ebenfalls friedlich.

Dass dieser Friede in Wunsiedel bis auf kleine Rangeleien den ganzen Tag der Demokratie hielt, ist einem höchst effektiven und erfolgreichen Polizeieinsatz zu verdanken - geführt von Oberfrankens Polizeipräsident Wolfgang Asprion persönlich. Der zog gegenüber unserer Zeitung eine durchwegs positive Bilanz. Die war unter anderem einer intensiven Kontrolltätigkeit im Vorfeld und dem umfassenden Schutz der Versammlungen in der Stadt zu verdanken.

Den ganz speziellen Schutz der Polizei suchten zehn sonst eher als großsprecherische Verbreiter dumpfer Parolen bekannte junge Leute aus der heimischen Neonazi-Szene. Die hatten sich angesichts der aufmarschierten Übermacht des erklärten Feindes aus dem linken Spektrum laut Polizei schon vormittags ängstlich in eine Kneipe zurückgezogen. Beamte nahmen die Rechten daraufhin auf eigenen Wunsch in Schutzgewahrsam und brachten sie nach Hause. Während des restlichen Veranstaltungstages war dann, wie es ein Wunsiedler prägnant formulierte, "keine Glatze mehr zu sehen".

Gerne noch mehr als die 1000 Leute aus dem bürgerlichen Lager hätten wohl die fleißigen Veranstalter in Wunsiedel gesehen. Dass die nicht kamen, lag zum einen wohl am Dauerregen, wie es eine trotzdem zufriedene Andrea Heußner in einem Gespräch mit unserer Zeitung erklärte. Zum andern aber wohl auch an der Tatsache, die wiederum Joachim Gauck so treffend in Worte fasste: "Erst kommt die Wahrnehmung, dann die Aktion." Will heißen: Trotz der tollen Aktionen am Tag der Demokratie scheinen immer noch zu wenige Wunsiedler und ihre Nachbarn wahrzunehmen, wie wichtig es ist, gegen Rechtsextremismus aktiv vorzugehen. Nicht nur an einem Tag. Und beileibe nicht nur in Wunsiedel.


Quelle: Frankenpost vom Montag, 22. August 2005


Weitere Infos gibt es auf unserer Übersichtsseite gegen die Heß-Märsche.