Kein Ohr für rechte Parolen

Bewegende Gedenkfeier für den von Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer

Wieder einmal hat die Haller Bevölkerung die Neonazis um Lars Käppler mit Missachtung gestraft. Für deren Demonstration am Samstagnachmittag durch mehrere Haller Wohngebiete interessierte sich so gut wie niemand. Mehr bewegt hat da schon die Gedenkfeier für Dietrich Bonhoeffer.

Schwäbisch Hall. Am Samstag jährte sich zum 60. Mal die Ermordung des Theologen und Widerstandskämpfers durch die Nationalsozialisten im KZ Flossenbürg. Bonhoeffer hatte familiäre Wurzeln in Schwäbisch Hall. Oberbürgermeister Hermann-Josef Pelgrim hatte es deshalb als ungeheuerlich bezeichnet, dass just an diesem Tag Faschisten erneut ihre rechtsextremen Parolen in Hall verbreiten.

Denn zu welchen schrecklichen Taten Nazis fähig sind, wurde in der Gedenkfeier am Vormittag in der Christuskirche am Säumarkt deutlich. Klar wurde aber auch, welche Kraft sich aus Dietrich Bonhoeffers Leben "schöpfen lässt für den Widerstand gegen neonazistisches Gedankengut", betonte der Hausherr, Pastor Jürgen Zipf von der Evangelisch-Methodistischen Kirche. Veranstaltet worden war die musikalisch von Andreas Knoblich umrahmte Gedenkfeier von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen.

Der evangelische Dekan Richard Haug zeigte sich fasziniert davon, "wie hellsichtig Bonhoeffer schon so früh war": Die Absichten Hitlers und seines Regimes durchschauend, ging er schon wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis auf "Die Kirche in der Judenfrage" ein, was ihn ins Visier des NS-Regimes geraten ließ.

Worte des Widerstandskämpfers, die der katholische Pastoralreferent Wolfram Rösch vortrug, machten die Überzeugung Bonhoeffers deutlich. Sie waren - gerade vor dem Hintergrund heutiger faschistischer Umtriebe - auch eine Aufforderung an die Christen, "bei Dingen, für die es sich lohnt, eine kompromisslose Haltung einzunehmen". Denn Bonhoeffer mahnte, dass "tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen keine christlichen Handlungen" seien. In den Fürbitten von Pastor Dr. Detlef Kapteina von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde (Baptisten) ging es um "Wachsamkeit bei ähnlichen Entwicklungen, die sich in unserem Land ergeben können", um "Kraft, Kreativität und Ausdauer beim Widerstand gegen den nationalsozialistischen Geist und gegen rechtsradikale Aktivitäten", um Respekt und Toleranz. Eine weitere Fürbitte: "Dass die nationalsozialistischen Aufmärsche in unserer Stadt mehr und mehr ins Leere laufen und auf deutliche Ablehnung bei den Bürgern treffen."

Nachmittags war es, als ob ganz Hall eben diese Fürbitte gehört hätte: Rund 200 Neonazis verschiedener Gruppierungen um ihre Anführer Lars Käppler, Christian Worch und Alexander Neidlein - der Crailsheimer war für den Raubüberfall auf ein Postamt zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt worden - zogen vom Haller Bahnhof aus durch menschenleere Straßen. Selbst am Hagenbacher Ring mit seinen riesigen Wohnblöcken zeigte sich kaum jemand am Fenster oder auf dem Balkon. Von ihren Hetztiraden war ohnehin wenig zu verstehen. Denn der Leiter der städtischen Ordnungsbehörde, Manfred Gentner, achtete peinlich genau auf die Auflagen des Gerichts, wonach der Spitzenpegel des Lautsprecherwagens auf 85 Dezibel begrenzt sein musste. Ein Fachmann der Immissionsschutzbehörde im Landratsamt überprüfte dies mehrmals im Verlauf des Nachmittages. Die Folge: Bei einer Kundgebung vor der Lukaskirche gingen die rechtsextremen Parolen aus dem Lautsprecher im Gepfeife der knapp 100 Gegendemonstranten unter. Diesen drohte Neonazi Käppler unverhohlen mit Gewalt: "Wenn die Freunde in Grün nicht da wären, würden wir locker mit euch fertig werden!" Doch die Polizei, die mit einem aus ganz Baden-Württemberg zusammen gezogenen Großaufgebot vertreten war, sorgte dafür, dass der Nachmittag "ohne besondere Vorkommnisse verlief", wie es im Polizeibericht heißt.


Quelle: Haller Tagblatt vom Montag, 11. April 2005


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