Breites Bündnis gegen Neonazizentrum

Antifaschisten in Baden-Württemberg wollen nicht länger nur reagieren. Kampagne gegen rechte Tagungsräume

Ein breites antifaschistisches Bündnis mobilisiert für den 9. April in das schwäbische Rosenberg, um gegen ein Neonazizentrum im ehemaligen Gasthof »Zum Goldenen Kreuz« im Stadtteil Hohenberg zu protestieren. Der bekennende Nationalsozialist Andreas Thierry hat die Immobilie im vergangenen Jahr gekauft. Offiziell will er dort Wohn-, Lager- und Büroräume bauen. Doch ähnlich dem Heisenhof im niedersächsischen Dörverden scheint es hier um ein Schulungszentrum für Neonazis zu gehen.

Hinter dem Laden steckt die »Bewegung deutsche Volksgemeinschaft« (BDVG). Die straff organisierte BDVG spaltete sich 1999 von der NPD/JN ab und näherte sich dem Spektrum der militanten »freien Nationalisten« an. Als parteiunabhängige Schulungsorganisation betreibt sie einen Verlag mit Versand und gibt vierteljährlich die Zeitschrift Volk in Bewegung heraus. Die BDVG versucht, neue Ortsgruppen auch in Städten zu gründen, aber ihre Strategie zielt vor allem auf eine breite Verankerung auf dem Land. Mit ihrer Strategie der Dauerpräsenz - in den letzten beiden Jahren organisierte die BDVG allein neun Aufmärsche in Schwäbisch Hall - will sie mittelfristig eine Gewöhnung der Menschen an die braunen Umtriebe und langfristig eine rechte Hegemonie in der Provinz erreichen.

In der Vergangenheit gab es im Ostalbkreis zwischen Stuttgart, Ulm und Nürnberg routinierte Reaktionen, wenn die BDVG einen ihrer Aufmärsche ankündigte. Die Antifa und das bürgerliche Bündnis »Für ein buntes Hall« mobilisierten zu Gegendemonstrationen, deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich jedesmal einem gewaltigen Polizeiaufgebot gegenübersahen. Dabei schützte der Staat die Nazis nicht nur mit Knüppeln und Pferden. Bei Protesten gegen einen »antiamerikanischen Sternmarsch« der BDVG am 11. September 2004 wurde ein Antifaschist mit gezogener Schußwaffe verhaftet. Ein anderer wurde Anfang März wegen des Verteilens von Flugblättern gegen einen Neonaziaufmarsch zu drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Unter dem Motto »Nie wieder Volksgemeinschaft« stehen das Antifaschistische Aktionsbündnis Baden-Württemberg (AABaWü), die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) und die lokale SPD am 9. April in Rosenberg in seltener Eintracht zusammen. Künftig soll zusammen agiert werden. Gemeinsame Aufrufe, Plakate und eine Broschüre wurden erstellt und Busse aus Mannheim, Heidelberg, Ludwigsburg, Stuttgart, Karlsruhe und Freiburg organisiert.

Die Neonazis um ihren Führer Lars Käppler versuchen nun, die antifaschistischen Kräfte zu spalten, indem sie zeitgleich zur Demonstration in Rosenberg im 25 Kilometer entfernten Schwäbisch Hall einen Aufmarsch anmeldeten. Dort sollen neben dem offiziell aus der BDVG ausgetretenen Käppler auch der Exsöldner und jetziges JN-Bundesvorstandsmitglied Alexander Neidlein sowie der selbsternannte Führer der »freien Kameradschaften« Christian Worch reden. Diese Mixtur aus nationalsozialistischer Ideologie, rechtsterroristischer Erfahrung und gewaltbereitem Aktionismus steht für die von der NPD ausgerufene »Drei-Säulen-Strategie«: der Kampf um die Köpfe, die Parlamente und die Straße.

Die Antifas in Baden-Württemberg lassen sich davon nicht beirren und rufen weiter zur Demonstration direkt zum Haus der Neonazis auf. Die Hoffnung ist groß, daß der neugewonnene Elan sich auch auf die nächste Kampagne auf der Agenda des AABaWü überträgt: die Mobilisierung gegen den Rudolf-Heß-Marsch im August in Wunsiedel.

Nicola Pantera


Quelle: junge Welt vom Mittwoch, 30. März 2005


Weitere Infos gibt es auf unserer Übersichtsseite zur BDVG.