Jedes Jahr im August das gleiche Spiel: Mehrere tausend alte und neue Nazis treffen sich im fränkischen Wunsiedel, um des 1987 gestorbenen "Führer-Stellvertreters" Rudolf Heß zu gedenken. Fast ungehindert marschieren sie durch die Kleinstadt und verbreiten ihre geschichtsrevisionistische Propaganda. An einem Nazitreffen diesen Ausmaßes kommt selbst die bürgerliche Presse nicht vorbei. Nicht nur die Lokalpostille Frankenpost, auch überregionale Tageszeitungen berichten in den letzten Jahren vermehrt über das Schaulaufen der Nazis in Wunsiedel.

Zwischen 1991 und 2000 wurden die Aufmärsche in Wunsiedel gerichtlich verboten worden. Das hinderte die Nazis allerdings nicht daran, in teilweise wilden Verfolgungsspielchen mit den Bullen Kundgebungen und Demonstrationen in verschiedenen anderen Städten abzuhalten, um ihres "Friedensfliegers" zu gedenken. Antifaschistischer Widerstand war durch die dezentrale Organisation des "Gedenkens" kaum möglich bzw. wurde von den "Ordnungshütern" frühzeitig unterbunden. Das Echo in den bürgerlichen Medien war entsprechend. Hauptsächlich ist von vielen Festnahmen auf Nazi-Seite die Rede. Die faschistischen Umtriebe werden mit einer gewissen Unbedarftheit zur Kenntnis genommen. Es gibt wenig Hintergrundinformationen, die politische Motivation der Treffen wird kaum erwähnt.

Im Jahr 2001 dürfen die Nazis wieder in Wunsiedel marschieren. Der bayrische Verwaltungsgerichtshof hatte befunden, es bestünde "keine unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung", der Aufmarsch könne also stattfinden. Die Frankenpost, die hauptsächlich das Ansehen des Städtchens Wunsiedel in Gefahr sieht, kritisiert das Urteil, findet jedoch lobende Worte für die Taktik der Bullen, mit der sie trotz des "braunen Spuks" "alles im Griff" gehabt hätten und mit massiver Präsenz den "ordnungsgemäßen Ablauf" des Marsches sichergestellt hätten. Die bürgerliche Gegendemo, ein Bündnis aus Gewerkschaften, israelitischer Kultusgemeinde, Grünen, Jusos, DKP, VVN u.a., wird als unvermeidbar dargestellt, wenn man den guten Ruf der "Festspielstadt" erhalten wolle. Andere Gegenaktivitäten werden nicht erwähnt. Welt und Frankfurter Rundschau zeigen Unverständnis über das Gerichtsurteil.

Auch 2002 kann der Nazi-Aufmarsch in Wunsiedel nach bekannter Manier stattfinden. Während den überregionalen Medien nicht viel anderes einfällt als im Jahr 2001 - Kritik am Gerichtsurteil, hohes Polizeiaufgebot sichere den Ablauf der Veranstaltung ohne Zwischenfälle - werden in der Frankenpost auch "gewaltbereite Linksextremisten" erwähnt, die auf der Protestveranstaltung zu erwarten seien. Während also, nach Darstellung der Frankenpost, "rechte und linke Gruppen in Wunsiedel aufmarschieren", dokumentierten "die Bürger ihren Unmut über dieses Treiben". Es ist von scharfen Vorkontrollen bei "Rechten und extrem Linken" die Rede. Kritik ernten PDS und DKP, weil sie die Grüne Claudia Roth auspfeifen, die daraufhin den Tränen nahe die Redebühne verlässt.

Ein Jahr später im August 2003 sieht es zunächst so aus, als ob der Heß-Marsch gerichtlich verboten werde. Erst zwei Tage vor dem geplanten Termin genehmigt das Bundesverfassungsgericht doch den "Trauermarsch" in Wunsiedel. Die Empörung in den Zeitungen über das Urteil ist groß. Die Berliner tageszeitung kritisiert den ausbleibenden "Aufstand der Anständigen", der ein ungestörtes Marschieren von 2600 Nazis ermögliche. Während sonst nur noch die junge welt die bürgerliche Gegendemo überhaupt für erwähnenswert hält, berichtet die Frankenpost stolz von der Wunsiedelschen Initiative "bunt statt braun!", die mit ihrem teils "heiter" teils "besinnlichen" Programm jedoch nur 400 Leute anzieht. Andere Aktivitäten linker Gruppen fanden - schenkt man der Berichterstattung der bürgerlichen Presse Glauben - nicht statt.

Im Jahr 2004 scheint auch im bürgerlichen Lager die Erkenntnis angekommen zu sein, daß der "braune Spuk" in Wunsiedel nicht von selbst wieder verschwinden wird. Die Stadt Wunsiedel will den Protest auf eine breitere Basis stellen, was allerdings nicht bedeutet, den Antifa-Widerstand in die Gegenveranstaltungen zu integrieren. Für die Frankenpost stören Bullen, Nazis und Linke gleichermaßen die fränkische Idylle. So verschönern "Chaoten der so genannten linken Szene" im Vorfeld des Nazi-Aufmarschs den Heß-Grabstein, und der Stern fragt sich, ob der Protest der anreisenden Antifa-Gruppen wohl gewaltfrei bleiben werde.

Das Bild in der Presse zeigt das Dilemma des bürgerlichen Protests in Wunsiedel. Auf der einen Seite will man versuchen, die Heß-Märsche auf gerichtlichem Wege verbieten zu lassen. Das ist jedoch nur möglich, wenn "konkrete Hinweise für zu erwartende strafbare Äußerungen" vorliegen oder "unmittelbare Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung" besteht. Das große Polizeiaufgebot und die erschreckend dürftigen Antifa-Proteste haben jedoch Eskalationen in den letzten Jahren weitestgehend verhindert. Auf der anderen Seite wird der engagierte antifaschistische Widerstand in den Medien diskreditiert und kriminalisiert. Wie so oft sieht die Presse die Antifas nicht als aktiven Teil antifaschistischen Protests, sondern als dritte Gruppe neben BürgerInnen und Nazis, die "ein weiteres Problem der Ordnungskräfte" darstellen. Auch hier gilt: Nicht die Nazis sind das Problem, sondern der Protest dagegen stört die Fichtelgebirgsromantik. Für 2005 kann das nur bedeuten, daß sich der aktive Widerstand in Wunsiedel endlich auch zahlenmäßig und jenseits von "bunt statt braun!"-Transparenten und Betroffenheits-Reden etablieren muß.


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