Batallions of fascists still dream of a master race

Gegen die Heß-Märsche in Wunsiedel

Am 21. August 2004 trafen sich im oberfränkischen Wunsiedel laut VeranstalterInnen 7.200 FaschistInnen, um Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß an dessen 17. Todestag zu gedenken. Die Versammlungsleitung bestand aus den Hamburger NaziaktivistInnen des Aktionsbüros Nord, Thomas Wolf und Inge Nottelmann, sowie dem Szeneanwalt Jürgen Rieger, der auch den Rechtsstreit im Vorfeld der Versammlung geführt hatte. Geworben wurde für die Veranstaltung unter anderem auf einer eigenen Mobilisierungsseite, die ebenfalls vom Aktionsbüro Nord betrieben wird, sowie durch Plakate und Aufkleber.

Nicht nur aus ganz Deutschland waren TeilnehmerInnen angereist, sondern es wurde von Gruppen aus Spanien, Frankreich, Schweiz, Belgien, Holland, Großbritannien, Dänemark, Schweden, Italien, Griechenland, Tschechien, Slowakei, Ungarn und Polen berichtet. Dies verschafft den FaschistInnen die Möglichkeit, während der jährlichen Veranstaltung in Wunsiedel europaweite Kontakte zu knüpfen oder bestehende zu intensivieren.

Der Beginn für die Veranstaltung wurde auf 10.00 Uhr angesetzt; da die Stadt Wunsiedel dieses Jahr den städtischen Festplatz als Versammlungsort jedoch nicht zur Verfügung gestellt hatte, war es der Polizei nicht möglich, die TeilnehmerInnen bis zum Beginn des "Trauermarsches" an einem Ort zu bündeln.

Während die einen den stundenlangen Reden und dem Rahmenprogramm mit nationalen LiedermacherInnen ihre Aufmerksamkeit schenkten, nutzten andere die Zeit, um die Stadt Wunsiedel näher zu betrachten. Dabei wurde der bürgerlichen Kundgebung am Marktplatz ein Besuch abgestattet und es fand eine spontane Kundgebung vor dem Friedhof statt, auf dem Heß begraben ist. Darüber hinaus kam es den ganzen Tag über zu "Kontakten" mit den angereisten AntifaschistInnen, deren Ausgang in entsprechenden Internetforen anschließend gefeiert wurde.

Um ca. 16 Uhr begann der Hauptteil der Veranstaltung, der "Trauermarsch". Dabei wurde es als großer Erfolg angesehen, dass die ersten Reihen des "Trauermarsches" wieder am Ausgangspunkt ankamen, bevor die letzten Reihen losliefen. Auch dass sich die MarschteilnehmerInnen nicht von den anwesenden AntifaschistInnen provozieren ließen, sondern alle "in stiller Trauer um Rudolf Heß" marschierten, wird von den FaschistInnen gelobt. Das Verhalten von Jürgen Rieger, der bei einer Sitzblockade androhte, diese nach 20 Minuten von entschlossenen "NationalistInnen" räumen zu lassen, wenn es die Polizei nicht innerhalb dieser Zeit tun würde, fand ebenso Anerkennung.

Nach Beendigung des "Trauermarsches" versuchten einzelne FaschistInnen, noch anwesende AntifaschistInnen abzufangen und machten sich dann nach "einem durchaus gelungen Tag" auf die Heimreise. Doch auch wenn die Nazis ein durchweg positives Fazit von dem Tag ziehen, gab es doch vor allem im Vorfeld einige Streitpunkte innerhalb des "nationalen Lagers".

So wurde die Musikauswahl vor dem "Trauermarsch" kritisiert, da es einige nicht für angebracht hielten, am Gedenktag für Rudolf Heß Skinheadbands auftreten zu lassen, wie es zwei Jahre vorher der Fall gewesen war. Da einige auch mit Boykott der Veranstaltung drohten, wenn dies wieder der Fall sein sollte, kam es in einschlägigen Internetforen zu einer Diskussion, ob Wunsiedel eine Pflichtveranstaltung im "nationalen Lager" sei. Hierbei wurden vor allem Christian Worch aus Hamburg Vorwürfe gemacht, weil er im Jahr zuvor nicht in Wunsiedel anwesend war, und einige forderten eine Stellungnahme von ihm ein, die er jedoch verweigerte.

Für größere Unstimmigkeiten sorgte dann der Streit zwischen der Versammlungsleitung und dem Internetportal "Freier Widerstand". Nachdem kurz vor der Veranstaltung das Grab von Rudolf Heß besprayt worden war, gerieten diese in Streit darüber, wie mit in Wunsiedel anwesenden AntifaschistInnen umgegangen werden sollte. Einige Personen aus dem Umfeld des "Freien Widerstandes" forderten über ihr Internetportal dazu auf, "Störaktionen von Antifaschisten (..) zu verhindern. Wenn möglich sollte jeder das Recht auf Selbstverteidigung in vollem Maße ausnutzen." Diese Aufforderung fand die Versammlungsleitung "vollkommen überzogen und unüberlegt." Sie wollte "die Menschen nämlich durch Disziplin und würdigem Denken von der Aufrichtigkeit ihres Handelns überzeugen" und sahen ihre Absichten durch den Aufruf auf "Freier Widerstand" negiert. Daher veröffentlichten sie eine Stellungnahme, in der die Frage aufkam, ob MitgliederInnen der FW-Redaktion nur Dummköpfe seien oder ob nicht gezielt V-Leute des Staates am Werk seien. Des weiteren wurden die "zur Zeit namentlich nicht bekannten Mitglieder der FW-Redaktion von der Kundgebung ausgeschlossen".

Auch während der Veranstaltung gab es einige Streitpunkte. So wurden der Alkoholkonsum und der Kleidungsstil einiger TeilnehmerInnen kritisiert, auch die lange Wartezeit, bis der eigentliche "Trauermarsch" stattfand, erntete bei einigen Unverständnis.

Für einige Diskussion sorgte dann die Entscheidung von Jürgen Rieger, einer Delegation von tschechischen FaschistInnen das Grußwort zu verweigern. Dies tat er mit der Begründung, dass sich die Gruppe nicht, wie von ihm verlangt, dafür entschuldigte, dass das tschechische Parlament den Beschluss fasste, die Benes-Dekrete aufrecht zu erhalten. Darüber hinaus sollten sie sich für eine Aufhebung der Dekrete und eine Rückgabe des "geraubten" Vermögens an Sudetendeutsche einsetzen, ebenso für eine Wiedergutmachungszahlung an Sudetendeutsche durch Tschechien. Anschließend wurde darüber diskutiert, inwiefern die tschechische Delegation für die Taten ihrer Großeltern und ihrer Regierung verantwortlich ist und wie das Verhältnis zu "NationalistInnen" aus anderen Ländern sein sollte.

Obwohl die TeilnehmerInnen die Wunsiedel-Veranstaltung als großen Erfolg ansehen, gibt es unter der Oberfläche doch Unstimmigkeiten, bei denen abzuwarten ist, wie sich diese in den nächsten Jahren entwickeln. Offen bleibt auch die Frage, wie lange der "Gedenkmarsch" noch in Wunsiedel stattfinden wird. Es gibt bereits jetzt Menschen, die überlegen, die Veranstaltung in Berlin-Spandau abzuhalten, da Heß sich dort das Leben nahm. Damit sollen zudem im „Kampf um Berlin“ Pluspunkte gesammelt werden und auch auf die steigenden TeilnehmerInnenzahlen reagiert werden, für die Wunsiedel bald zu klein werden wird.


Weitere Infos gibt es auf unserer Übersichtsseite zu Wunsiedel.