We’ll never rest again until every nazi dies

Rudolf-Heß-Marsch in Wunsiedel am 21. August 2004 aus antifaschistischer Sicht

An- und Abreise

Die meisten Antifas fuhren mit dem Bus nach Wunsiedel und nach unseren Erfahrungen sollte das auch im nächsten Jahr das bevorzugte Transportmittel sein. Wenige Antifas kamen mit dem eigenen PKW und wurden teilweise massiv von Nazis angegriffen. Bereits an den Raststätten auf dem Hinweg trafen wir fast überall auf Nazis, deshalb sollten andere Möglichkeiten abseits der Autobahn genutzt werden, um Pausen einzulegen.

Trotz gegenteiliger Absprachen wurden die Nazis auf der gleiche Route nach Wunsiedel geleitet wie wir. Durch die zeitaufwändigen Vorkontrollen kam es zu einem langen Rückstau. Die Nazis nutzten die Abwesenheit der Bullen in der Warteschlange vor der Kontrolle, um einen Bus mit Steinen anzugreifen. Hier ist antifaschistische Selbstverteidigung unumgänglich.

Die Vorkontrollen waren sehr schikanös: Die Bullen enterten den Bus und filmten alle Personen auf den Sitzplätzen, um gegebenenfalls verbotene Gegenstände zuordnen zu können. Alle Antifas mussten den Bus verlassen und wurden komplett durchsucht. Potenzielle Vermummungsgegenstände wurden beschlagnahmt, Fahnen wurden entrollt aber nicht konfisziert.

Der vorgesehene Anfahrtsweg wurde von den Bullen gesperrt und ein mit Antifas besetzter Bus wurde direkt in die Nazimenge geleitet. Die Situation war extrem gefährlich und muss nächstes Jahr unter allen Umständen verhindert werden. Unklar ist, ob die Bullen die Antifas für Nazis hielten und den Bus deshalb umleiteten oder ob dies mit Absicht geschah, um die Situation zu eskalieren. Insgesamt waren nur 1000 Bullen vor Ort. Zwar waren davon relativ viele USK-Bullen, doch es waren nicht genug, um die Situation kontrollieren zu können, und oft wirkten sie überfordert. Hier muss ein Konzept der antifaschistischen Selbstverteidigung erarbeitet werden.

Gefährlich war bei der Abfahrt das Warten auf einige GenossInnen, die nicht pünktlich zur Abfahrtszeit am Bus waren. Beim Verlassen des Ortes sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass sich alle zu jeder Zeit in Begleitung einer ausreichenden Anzahl GenossInnen befinden, um einen eventuellen Naziangriff abwehren zu können.

Vor Ort

Das Zahlenverhältnis fiel mit 4700 : 250 deutlich zu unseren Ungunsten aus. Es gab eine Antifakundgebung und eine bürgerliche Kundgebung mitten im Ort, die durch die Naziroute getrennt wurden. Die Kundgebung der Antifa bot während der gesamten Zeit eindeutig die größte Sicherheit vor Naziangriffen. Leider war sie eher langweilig, so dass einige Antifas sich lieber im Ort umsahen. Hier sollte etwas am Unterhaltungsprogramm gefeilt werden. Die Kundgebung wurde von den Bullen eingerahmt, doch war es zu jeder Zeit möglich, den losen Kessel zu verlassen. Während des Nazimarsches herrschte hier eine kämpferische Stimmung.

Die BürgerInnenkundgebung war noch schlechter besucht als die der Antifas, doch wahrscheinlich waren nicht die teilweise reaktionären und die Totalitarismustheorie vertretenden Redebeiträge der Grund dafür. Anzuerkennen ist, dass die einzig effektive Blockierung der Nazis vor Ort durch eine bürgerliche Sitzblockade unter Beteiligung des CSU-Bürgermeisters stattfand. Die Wiese, auf der die Nazis ihre Kundgebung abhalten wollten, wurde zudem von der Stadt nicht zur Verfügung gestellt: Sie war mit landwirtschaftlichen Geräten wie Güllewagen blockiert worden.

Bemerkenswert war die fehlende Trennung zwischen Antifas und Nazis. Es war leicht möglich, zu den Nazis zu gelangen. Es gab immer wieder Provokationen und Angriffe seitens der Nazis, die auch in körperliche Auseinandersetzungen mündeten. Etwa 200 Rechtsradikale versuchten zum Beispiel den Marktplatz zu stürmen und wurden erst in letzter Sekunde von der Polizei daran gehindert. Die Nazis bewegten sich frei auf dem Marktplatz und filmten offen die Antifas. Ein engagierter Antifaschist, der einen Anti-Antifa-Aktivisten daraufhin attackierte, wurde äußerst brutal von den Bullen festgenommen und schwer verletzt. Es ist also davon abzuraten, Klamotten oder Fahnen mitzunehmen, die den Anti-Antifa-AktivistInnen eine Identifizierung ermöglichen. Einige Nazis waren zudem mit Stöcken und spitzen Gegenständen bewaffnet, die sie auch einsetzten. Insgesamt wurden 74 Nazis, 46 Antifas und 31 BürgerInnen in Gewahrsam genommen. Auch im Vorfeld versuchten die Nazis an szene-interne Informationen zu gelangen: Eine Nazigruppe nahm unter dem Namen "Antifaschistische Aktion Ried" an den Vorbereitungstreffen gegen den Heß-Marsch teil. Hier sind zukünftig deutlich bessere Sicherheitsmaßnahmen notwendig.

Weitere Antifaschistische Aktionen

Von antifaschistischer Seite gab es diverse Aktionen im Vorfeld und außerhalb Wunsiedels. So wurde Heß’ Grab Anfang August besprayt. In Berlin-Spandau gab es in der Woche vor dem Heß-Marsch ein Punx-Picnic vor dem Kriegsverbrechgefängnis. In mehreren Städten wurden am Tag des Marsches abgestellte Nazikarren abgefackelt, allerdings wird der Staatsschutz wohl ebenfalls ein Auge auf die abfahrenden Nazis haben, bei den Abfahrorten der Antifas jedenfalls waren die Politbullen zugegen. In einer gefakten Bullenkontrolle wurden Nazis herausgewunken, verprügelt und ihr Bus angezündet. Ein Bus wurde auf dem Weg nach Wunsiedel entglast und mehrere Naziautos wurden angegriffen.


Weitere Infos gibt es auf unserer Übersichtsseite zu Wunsiedel.