Uncle Sam mit der Sense

Ska-P spielten im E-Werk

Ganz die Freiburger Linie, könnte man meinen: Da gibt eine schwer anarchistische Band ein Konzert und hat einen Song namens "Intifada" im Programm, der sich gegen die israelische Besatzungspolitik richtet. Der Text enthält bei aller Plakativität zur Klarstellung gleich eine Zeile, in der man sich rechtfertigt, Menschen nicht nach ihrer Religion zu beurteilen und mit Antisemitismus nichts am Hut zu haben. Und dann trifft im Vorfeld natürlich dennoch prompt ein "Offener Brief" linker Gruppierungen von Antifa bis KTS mit ebendiesem Vorwurf ein und fordert eine sofortige Absage des Konzertes. Darauf sind die Veranstalter des E-Werks zum Glück aus zwei Gründen nicht eingegangen: Zum einen wäre den 1000 Besuchern der ausverkauften Veranstaltung ein erstklassiger, energiegeladener Abend entgangen. Und zum anderen wäre dies nur ein weiterer trauriger Tiefpunkt einer hier zu Lande völlig verfahrenen, nur noch reflexhaft geführten Debatte gewesen. Wer selbst eine Band wie Ska-P, die Gewalt ablehnt, sofort mit Antisemitismus-Bann belegt, verharmlost dadurch letztlich die wirklich bedenklichen Fälle.

Doch zurück zur Musik: Ohne (bislang) große Medienpräsenz, aber mit schweißtreibenden Konzerten und erstklassigen Platten hat sich die Band aus Vallecas, einem durch seinen Widerstand während Francos Diktatur bekannt gewordenen Arbeiterviertel in Madrid, eine Fangemeinde erspielt, die sehr treu ist - und auffallend jung. Eigentlich nahe liegend, denn in dieser Altersgruppe hat man meist eine besondere Affinität zu kompromisslosen Parolen gegen Krieg, Todesstrafe, Fleischkonsum, Kapitalismus - und zudem die nötige Kondition, ein komplettes Ska-P-Konzert durchzustehen.

Denn im voll gepackten E-Werk wurde mit solcher Leidenschaft Pogo getanzt, auf den Händen der Konzertbesucher durch die Menge gesurft und die Faust in den Himmel gereckt, dass die Luft teils zu dick zum Atmen war. Weiter aufgeheizt wurde die Stimmung durch die zahlreichen Verkleidungen von Background-Sänger Pipi, der schon mal als mit Sense bewaffneter Uncle Sam auf Stelzen über die Bühne stolzierte. Subtilität, man merkt es langsam, ist zumindest in den Aussagen die Sache der Band nicht. Musikalisch sieht es da schon anders aus: Während für die nicht ganz so knochenharten Ska-Fans die meisten Genrevertreter auf Dauer arg gleichförmig klingen, mischen Ska-P die charakteristischen Bläsersätze mit Rock, Folk, Punk - und unglaublich guten Melodien. Da mag man ansonsten auch etwas differenziertere Standpunkte bevorzugen, für zwei Stunden wird man dennoch gerne zum kompromisslosen Anarchisten - wenn damit schon ein so hoher Spaßfaktor verbunden ist.

Stefan Rother


Quelle: Badische Zeitung vom Mittwoch, 17. Dezember 2003