Demo-Zug belagerte den Bahnhof

Insgesamt etwa 800 Menschen demonstrierten am Wochenende ihre Sympathie mit dem "Kulturtreff in Selbstorganisation"

Von unserer Redakteurin Julia Littmann

Ein Punk-Konzert in der Nacht zum Samstag, eine Demo am Samstagnachmittag: Die Kündigung der KTS-Räume auf dem Bahnbetriebsgelände an der Basler Straße ließ am Wochenende etwa 800 KTS-Besucher und Sympathisanten des "Kulturtreffs in Selbstorganisation" (KTS) zu Protesten in der Innenstadt auflaufen. Als Höhepunkt der Protestaktionen nahmen die Demonstranten schließlich den Bahnhof ins Visier. "KTS bleibt - DB, OB halt’s Maul", war da alsbald plakatiert.

Manch einem Zuggast blieben der Auflauf, die Parolen und die Losungen auf den Transparenten rätselhaft und die Störung ein Ärgernis. So hielt beispielsweise der ICE 75 von Hamburg nach Zürich am Samstag nicht am Freiburger Hauptbahnhof. Wer just von diesem Zug um 16.08 Uhr Freunde oder Verwandte abholen oder durchgehend nach Zürich reisen wollte, erfuhr von dem Ausfall per Lautsprecheransage. Der Zug hielt ersatzweise in Bad Krozingen. Von dort konnten Bahnreisende nach Freiburg per Interregio die Rückfahrt zu ihrem Zielbahnhof

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Abschirmdienst im Hauptbahnhof: Ein erhebliches Polizeiaufgebot sortierte am Samstag Bahnreisende, Abholer und Demonstranten - die sollten draußen bleiben, kamen aber kurz sogar bis aufs Gleis.

Viele Bahnreisende mussten in der ersten Stunde der "Bahnhofsbelagerung" durch etwa 200 Demonstranten deutliche Verspätungen hinnehmen: Bahnsteig 1 war fast eine halbe Stunde lang von 30 Demo-Teilnehmern besetzt, die zwischenzeitlich gar auf den Gleisen Platz nahmen. Dort wurde ein 25-Jähriger verhaftet und am Abend - wie auch ein zweiter Verhafteter - wieder auf freien Fuß gesetzt. Bahnpersonal und Sicherheitskräfte standen unter erheblichem Stress: Da galt es zum einen, die Demonstration unter Kontrolle zu behalten, zum anderen die Betriebsabläufe blitzartig so zu ändern, dass der Zugverkehr für die Reisenden möglichst störungsfrei stattfinden konnte. Dennoch ließen sich Gleisänderungen und Verzögerungen nicht verhindern.

Dass sich in dieser Situation die Polizei aufs Abwarten und Beobachten beschränkte, begeisterte zwei spanische Reisende: "In Barcelona hätte die Polizei längst Knüppel sprechen lassen." Die Knüppel der äußerst zahlreichen Freiburger und Göppinger Polizeikräfte jedoch kamen an diesem Nachmittag nicht zum Einsatz. Vermutlich war es vor allem der unerbittliche Regen, der die Demo-Party vorm Hauptbahnhof kurz nach fünf vertrieb. Zuvor jedoch hagelte es ausgiebig Eier auf die Glasfront des Bahnhofs und die davor stehenden Einsatzkräfte. Mit einem Flaschenwurf ging auch eine Scheibe zu Bruch. Tags zuvor noch hatte die Punkband "Lee Majors" auf einem ungenehmigten Open Air-Konzert auf dem Augustinerplatz gesungen: "Wer einen Bahnhof aus Glas besitzt, soll nicht mit Steinen schmeißen." Nun war die Zerbrechlichkeit des Glashauses demonstriert. Man zog unter Polizeibewachung weiter zum Theater, wo die - unangemeldete - Demonstration aufgelöst wurde. "Demo und Konzert waren gut besucht", meldet die KTS-Ini, "jetzt sollten sich Bahn und Stadt dran machen und die Kündigung zurückziehen." Die Weichen wurden am Bahnhof vermutlich anders gestellt.


Quelle: Badische Zeitung vom Montag, 9. Februar 2004