Besetzer räumen „Fortuna“ freiwillig

Nach friedlicher antifaschistischer Kundgebung wurden Räume der Burschenschaft Alemannia verwüstet und ein Haus besetzt

Von unserem Redakteur Gerhard M. Kirk

Eigentlich hätte die von der „Antifa Freiburg“ gegen eine Saalversammlung der „Bewegung Deutsche Volksgemeinschaft“ (BDVG) auf dem Rathausplatz veranstaltete Kundgebung mit mehr als 400 Teilnehmenden ganz anders enden sollen. Doch statt „zum Veranstaltungsort der Faschos“ zu gehen, besetzten am Samstag gegen 17.45 Uhr etwa hundert junge Leute das leer stehende Gebäude Basler Straße 66, während gleichzeitig 30 bis 40 in das Haus der Burschenschaft Alemannia eindrangen, Fensterscheiben einwarfen und Räume demolierten.

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„Dumpf“ quoll es aus der „Faschisten-Maschine“ auf dem Rathausplatz (oben). Kurze Zeit später wurden bei der Burschenschaft Alemannia Fenster eingeworfen und das Haus Basler Straße 66 besetzt.

Hatten die bei der Kundgebung zunächst verkündeten „Tipps für das Verhalten bei einer Demo, bei einer Festnahme oder auf der Wache“ noch für Heiterkeit gesorgt, war es zweieinhalb Stunden später mit dem Spaß vorbei. Im Haus der Burschenschaft Alemannia an der Lorettostraße zerstörten (so der Polizeibericht) Punks die Einrichtung und warfen (wie auch in einem benachbarten Lebensmittelladen) die Fensterscheiben ein, ehe elf von der Polizei (die nach eigenen Angaben inzwischen 30 identifiziert hat) festgenommen wurden oder flohen. Zur gleichen Zeit wurde das Gebäude Basler Straße 66 (so die Besetzer) „symbolisch besetzt“, um die Solidarität mit den Besetzern des Hauses 053 im Stadtteil Vauban auszudrücken, das am Dienstag geräumt worden war.

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Die meisten hielten sich an ihre Zusage und verließen die ehemalige Gaststätte „Fortuna“ am Samstag gegen 22 Uhr. Ungefähr zehn junge Leute aber verbarrikadierten sich in dem Haus, warfen Feuerwerkskörper und machten von den Fenstern im ersten Obergeschoss aus deutlich: „Wir bleiben hier!“ Außerdem ließen sie einen Korb herunter und wollten ihn mit Essen, Trinken, Zigaretten und Feuerzeugen gefüllt haben. Die ihnen immer wieder angebotene Packung Spaghetti lehnten sie dagegen ab, verlangten stattdessen „Antialk“ und „Sprit“ — was sie freilich auch nicht bekamen, da die Schnur riss, als der Korb mit Bierflaschen beladen wurde.

Gejohle von drei Dutzend jungen Frauen und Männern vor dem Haus empfing gegen 22.45 Uhr vier Feuerwehrmänner, die die Flaschenscherben auf der Basler Straße wegfegten. Etwa gleichzeitig zogen die ungefähr zwanzig sichtbaren behelmten Polizeikräfte ab, während ein Dutzend Polizistinnen und Polizisten das Gebäude weiter im Auge behielten. Die ganze Zeit über bis gestern Nachmittag blieb die Basler Straße von der Kreuzung Merzhauser Straße aus stadteinwärts gesperrt.

Um Mitternacht übergab Werner Hager, Leiter des Polizeireviers Nord, der bewusst „das Ventil“ mit der Hausbesetzung geöffnet hatte, um eine Aufsplitterung der Aktivitäten in der Stadt zu verhindern, das Kommando an seinen Kollegen vom Revier Süd, Gabriel Winterer. Nach einer weitgehend ruhigen Nacht verließen die elf Besetzer nach Angaben von Polizeisprecher Ulrich Brecht am Sonntag gegen 14.30 Uhr freiwillig das Haus (das gestern noch unbewohnbar gemacht werden sollte) und wurden vorläufig festgenommen. Nach ersten Erkenntnissen verstärkte sich bei Ulrich Brecht der Eindruck, „dass viele von ihnen nicht aus der Regio stammen und eine ganz andere Gewaltbereitschaft zeigen als die Leute aus der Gegend hier“. Auch die große Mehrheit des Demonstrationszuges „war absolut friedlich“.

Derweil blieb unklar, ob das geplante BDVG-Treffen überhaupt in Freiburg stattfand. Die „Antifa“ behauptet, es sei „aus Angst vor antifaschistischen Gegenaktivitäten“ abgesagt worden. Andere Gerüchte dagegen weisen darauf hin, dass die Rechtsextremen sich nach dem Auftrittsverbot für den Gastredner Bernhard Schaub durch die Stadt Freiburg (wir berichteten) schon am Freitag in Müllheim trafen.


Quelle: Badische Zeitung vom Montag, 19. Januar 2004