Kameradschaften sind Gruppen von Neonazis, die keine gesetzlich definierte Organisationsform wie eine Partei oder einen Verein haben. Sie bezeichnen sich selbst als "freie Kameradschaften" und sehen sich als Teil des "nationalen Widerstandes", eine Art rechte Einheitsfront.

Geschichte und Organisation

Geschichtlich sehen sich die Kameradschaften in der Tradition der SA. Dabei beziehen sie sich positiv auf die Ideologie des "politischen Soldaten", nicht jedoch auf auf die Struktur der SA als Parteiarmee der NSDAP. Ihre Organisationstruktur haben die Kameradschaften von der autonomen Szene und insbesondere der Antifa übernommen ("Organisierung ohne Organisation").

Autonome Nationalisten

Die Art der Organisierung ist aber auch eine Reaktion auf die staatlichen Verbote neonazistischer Organisationen Anfang der 90er Jahre. Zwar wurden bisher auch zwei Kameradschaften verboten (die "Kameradschaft Oberhavel" (Brandenburg) am 14.8.1997 und die Kameradschaft "Hamburger Sturm" am 11.8.2000), aber die anderen Kameradschaften sind nicht von dem Verbot betroffen.

Mitte 1996 entwickelte der führende Hamburger Neonazi Thomas Wulff das Konzept der "Freien Nationalisten", mit dem er regionale Kameradschaften zu Bündnissen zusammenschließen will. In Baden-Württemberg gibt es bisher einen Fall eines neonazistischen Aktionsbündnisses, das sich im Sommer 2003 in der Region Mannheim/Heidelberg gründete und in dem neben diversen Kameradschaften auch die BDVG Mitglied ist.

Aktionsfelder und Bündnispolitik

Die Kameradschaften fielen in den letzten Jahren durch häufige Demonstrationen auf, wobei die Inhalte nach eigenen Aussagen unerheblich waren, es ging um die Präsenz auf der Straße. Oftmals wurden diese Demonstrationen vom altgedienten Nazikader und Millionenerben Christian Worch angemeldet. Dieser bezeichnete die NPD als "feindliche Organisation".

Kameradschaft Gera

Kameradschaften bilden immer wieder Bündnisse mit anderen rechten Gruppierungen. Beispielsweise ist für den 28. Februar 2004 in Osnabrück eine gemeinsame Demonstration von "freien Kameradschaften" mit Wulff als Redner zusammen mit der NPD geplant. Hierfür mobilisieren die Freiburger Nazis, die auch gute Kontakte zu Worch haben, in ihren Rundbriefen. Das größte Treffen militanter Neonazis findet jährlich im bayerischen Wunsiedel anlässlich des Todestages des Hitler-Stellvertreters Rudold Heß statt. Dieses Jahr trafen sich dort über 3000 Nazis.

Wichtig für das Verständnis von Kameradschaften ist ihr von der Linken übernomme Ansatz, das Private sei politisch. So organisieren viele Kameradschaften neben den politischen Aktionen ein gemeinsames Freizeitprogramm und geben sich dabei betont offen gegenüber unorganisierten Nazis. Dadurch soll das Gruppengefühl und die Identifikation mit den politischen Zielen gestärkt werden. Oft wird auch versucht, die subkulturelle Skinheadszene zu assimilieren.

Einen wichtigen Bereich ihres Aktionsspektrums stellt die Anti-Antifa-Arbeit dar. Diese Arbeit beginnt mit dem Erstellen und Verbreiten von schwarzen Listen mit persönlichen Daten ihrer Feinde. So hat zum Beispiel die "Kameradschaft Süd" durch eine Angestellte bei der Postbank München die Daten ihrer Feinde ausgespäht. Diese Information wurde den Betroffenen jedoch von staatlicher Seite vorenthalten.

Organisierte Gewalt

Diese "Kameradschaft Süd" ist mittlerweile durch ihre geplanten Bombenanschläge berüchtigt. Sie plante während der Grundsteinlegung der neuen Münchner Synagoge die Redner mit TNT zu töten. Anscheinend war sie jedoch so stark mit staatlichen Spitzeln durchsetzt, dass ihre MitgliederInnen kurz vor dem Anschlag verhaftet wurden.

Ende vergangenen Monats entdeckte die Polizei im thüringischen Ohrdruf bei Gotha bei einem 19jährigen Neonazi ein Sprengstofflabor und einen mit Nazisymbolen versehenen größeren Versammlungsraum. Gegen den Mann wurde kein Haftbefehl erlassen, da laut Staatsanwaltschaft keine Fluchtgefahr bestehe.

Es handelt sich nicht um den ersten derartigen Vorfall in Thüringen. In Jena war 1998 in einer Garage eine Bombenwerkstatt von Neonazis gefunden worden. Drei 20jährige hatten dort aus 1,4 Kilo TNT Rohrbomben gebaut. Sie sind bis heute nicht gefasst. In diesem Jahr sind die Ermittlungen gegen sie wegen Verjährung eingestellt worden.

"Kameradschaft Karlsruhe"

Seit Gründung im Jahre 1993 ist die "Kameradschaft Karlsruhe" als älteste Kameradschaft Baden-Württembergs publizistisch und politisch besonders aktiv. Mindestens einer ihrer Gründer war verdeckter Ermittler des LKA (Tarnname "Axel Reichert"), der als neonazistisch-judenfeindlicher Hetzer von sich reden machte, bis er sich selbst im Suff enttarnte.

Kameradschaft Karlsruhe

Während zeitweise bis zu 50 Personen der "Kameradschaft Karlsruhe" zugerechnet werden konnten, besteht heute der "harte Kern" aus weit weniger Personen. Ungeachtet dessen besteht im Großraum Karlsruhe derzeit ein mobilisierbares Potential von ca. 100 Personen.

Es werden regelmäßig sogenannte "Kameradschaftsabende" durchgeführt, Rechtsschulungen und Vortragsveranstaltungen organisiert, oder man nimmt an überregionalen Aktivitäten wie an den "Rudolf-Heß-Gedenkveranstaltungen", Sonnwendfeiern und Skinkonzerten teil. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Anti-Antifa-Arbeit, die Kameradschaft gibt zum Beispiel seit November 1996 die Broschüre "Rote Socke" heraus, in der - ohne eigene Kommentierung - "linke Szeneberichte über nationale Aktivisten" zusammengestellt sind.

Die "Kameradschaft Karlsruhe" betreibt das "Nationale Infotelefon Karlsruhe" mit dem zu Demonstrationen mobilisiert wird, sowie die Internetseiten des "Karlsruher Netzwerks", über die sie ihre menschenfeindliche Propaganda verbreiten.

Auf nach Karlsruhe

In letzter Zeit gibt es vermehrt Kampagnen von Kameradschaften zur Schaffung "nationaler Zentren", eine Art rechte Kopie autonomer Zentren. Die "Kameradschaft Karlsruhe" ruft zu einer Sylvesterdemo in Karlsruhe unter dem Motto "Jugend braucht Raum - Nationale Zentren erkämpfen!" auf. Sie wollen damit vom linken Kampf zum Erhalt der Ex-Steffi profitieren.

Kommt mit uns am 31.12.2003 nach Karlsruhe!

17 Uhr Kronenplatz: Naziaufmarsch verhindern! Nationale Zentren versenken!
19 Uhr Kronenplatz: Ex-Steffi durchsetzen! Streetparade mit mehreren Wägen, Bands, DJ’s und und und gegen neoliberale Stadtpolitik und Vertreibung!
22 Uhr Ex-Steffi: Sylvester-Party mit Bands, DJ’s, Cocktails und vielem mehr.


Dieser Text ist - zusammen mit Texten über die BDVG und Bernhard Schaub - auch in unserer Broschüre enthalten.