Jahrzehnte lang hat die Albert-Ludwigs-Universität den Schleier des Vergessens über ihre eigene Geschichte und die Verstrickung ihrer Angehörigen in den Nationalsozialismus gebreitet. Klein geredet wurde die Verflechtung von Wissenschaft und Forschung mit der Diktatur, der Mantel des Schweigens über Schuld und Mitschuld gebreitet. Zwei Generationen dauerte es, bis sich die Institution zu diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte zu bekennen begann, und ihr heutiger Rektor von einem "historischen Versagen der Institution Universität" und einem "Sündenfall" spricht. Nur eine leere Stelle an der westlichen Fassade des Kollegiengebäudes I am Rotteckring erinnert an den einst hier prangenden Adler mit dem Hakenkreuz. Der verschwand 1945, einen wirklichen Neuanfang indessen gab es nicht. Die alten Eliten kehrten alsbald zurück an ihre Lehrstühle. Die wenigen Professoren, die Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus geleistet hatten, mussten als Aushängeschilder dafür her halten, dass in Freiburg ja alles nicht so schlimm wie anderswo gewesen sei. Doch es war schlimm, schlimmer noch, denn Freiburg war eine NS-Vorzeigeuniversität, wie jüngste Forschungsergebnisse zeigen. Nun wird ein Mahnmal an die verfolgten Universitätsangehörigen erinnern, ein Wandbild und ein transparenter Vorhang mit den Namen derer, die Opfer wurden. Namen von zwangsemeritierten Professoren, von Lehrenden, denen akademische Grade aberkannt wurden, von exmatrikulierten Studenten, von Mitarbeitern, die ihre Stelle verloren, von Menschen, die ermordet wurden. Die Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist an Freiburgs Uni in vollem Gange - endlich.

Hans-Henning Kiefer


Quelle: Badische Zeitung vom Samstag, 13. November 2004