Räume für Träume

Zehn Jahre KTS: der stete Kampf für ein autonomes Kulturzentrum / Von Karin-Anne Böttcher (Text) und Ingo Schneider und Brigitte Sasse (Fotos)

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Freiwillig räumten die KTS-Aktivisten am 24. Oktober 1997 das Haus 34 auf dem ehemaligen Kasernengelände Vauban, auf dem ein Modellstadtteil entstehen sollte. Dazu spielte eine Band namens "Scheiße". Der "Kulturtreff in Selbstverwaltung" zog um an die Basler Straße.

Ein selbstverwaltetes Kulturzentrum in einem besetzten Haus gab es schon lange vor der KTS: Von 1981 bis 1985 war das "Autonome Zentrum" im Glacisweg Treffpunkt, Kneipe, Konzertort und politisches Forum - Freiburgs erstes autonomes Kulturzentrum. Dessen Ende war spektakulär: Kurz vor der angekündigten Räumung brach dort unter nie geklärten Umständen ein Feuer aus.

Neun lange Jahre sollte es dauern, bis wieder eine Gruppe von Aktivisten ein Haus besetzte, um ein autonomes Kulturzentrum ins Leben zu rufen. Am 25. März 1994 wurde "Haus 11" auf dem ehemaligen französischen Kasernengelände Vauban besetzt. Initialzündung war ein Gemeinderatsbeschluss vom 8. Februar des gleichen Jahres, die Mannschaftsgebäude abreißen zu lassen.

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Mit einer gut vorbereiteten "Kulturwoche" geht die Initiative sofort an die Öffentlichkeit. Mitte Juni fordert das Studentenwerk die Räumung der von den Besetzern so genannten "KTS-Vauban", weil hier ein Studentenwohnheim gebaut werden soll. Mit einem "Verkleidungsumzug" demonstrieren die KTS-Aktivisten in der Innenstadt gegen die drohende Räumung. Nachdem der Gemeinderat sich am 5. Juli 1994 gegen eine Zwischennutzung der leer stehenden Mannschaftsgebäude ausspricht, rollen zwei Tage später die Bagger an - zurück bleibt nur ein Trümmerhaufen.

Die Reaktionen waren heftig: Nach einer Spontandemo kommt es vor der Dienstvilla des damaligen Oberbürgermeisters Rolf Böhme (SPD) zu einer Randale mit vier Festnahmen. Die Polizei registriert später kleinere Anschläge" mit einem Sachschaden von 20 000 Mark. Am Tag danach protestieren die KTSler beim Seenachtsfest mit einem aus den Trümmern der KTS gebauten Floß. Weitere kreative Protestaktionen folgen, etwa Konzerte der "KTS im Exil" und ein "Info-Picknick". Der Höhepunkt am 29. Juli: Eine "KTS-Reisegruppe" wandert, teilweise zünftig mit Hut und Kniebundhose verkleidet, nach St. Märgen, um OB Böhme in dessen Ferienhaus zur Diskussion herauszufordern.

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Der erste Versuch, sich ein autonomes Kulturzentrum zu besetzen, endete am 7. Juli 1994: Die Polizei räumte das Haus 11 auf dem Vauban-Gelände. Der Kampf ging weiter, bis 1998 die KTS im Bahnbetriebswerk an der Basler Straße unterkam - und wieder Ärger hatte.

Die Aktivisten geben nicht auf: Am 26. August 1994 besetzen sie "Haus 34" im geplanten Baugebiet Vauban. Die Stadtverwaltung zeigt sich jetzt gesprächsbereit, will vorerst nicht abreißen. Am 20. September beschließt der Gemeinderat die Duldung - zumindest bis es eine Alternative gibt. Das Angebot einer Halle auf dem Flugplatz lehnt die Initiative als zu abgelegen ab. Die KTS bleibt im Haus 34, veranstaltet Konzerte und politischen Veranstaltungen. Im September steigt ein Kleinkunstfestival mit dem Titel "Träume brauchen Räume". Im März 1995 wird ein Jahr KTS-Besetzung gefeiert.

Fast zwei Jahre später, am 13. Dezember 1996, liegt die Genehmigung für den Abriss des Hauses 34 vor. Bereits im Oktober, als die Besetzer bereits die anstehende Räumung ahnen, bewegt sich die erste Freiburger "Love-and-Hate-Parade" mit wummernden Lautsprecherwagen durch die Innenstadt. Und am 22. Dezember, neun Tage nach Bekanntwerden der Abrisspläne bricht ein Feuer in Haus 34 aus. Das KTS-Café brennt fast vollständig aus, Brandursache unklar - Erinnerungen an das Ende des "AZ" werden wach.

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"Love-and-Hate-Paraden" gibt es in den Folgejahren noch zweimal: im Juni 1997, als rund 1000 junge Leute vor dem Konzerthaus demonstrieren und es zu einem Gerangel mit der Polizei kommt. Und im Juli 1998 widmet sich die 3. "Love-and-Hate-Parade" der "Demonstration gegen Privatisierung, Sicherheitswahn und Ausgrenzung".

Die Abrissgenehmigung wird ausgesetzt. Die Stadtverwaltung kündigt im Februar 1997 an, zunächst eine "jugend- und kulturpolitische Debatte" führen zu wollen. Die Initiative dazu kommt dann aus dem Gemeinderat. Am 30. September 1997 beantragen Grüne und Linke Liste/Unabhängige Frauen ein Ersatz-Haus; im Oktober werden gemeinsam mit der KTS Räume gesucht - und mit dem Bahnbetriebswerk in der Basler Straße auch gefunden. Schon am 20. Oktober signalisiert das KTS-Plenum prinzipielle Zustimmung. Vier Tage später erfolgt der geforderte Auszug aus Haus 34 im Quartier Vauban. Es wird an die Stadt übergeben; zum Abschied spielt eine Band - mit Namen "Scheiße" - auf dem Dach. Im Mai 1998 wird der Mietvertrag fürs Bahnbetriebswerk unterzeichnet.

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Nach einem gründlichen Umbau werden im Februar 1999 die neuen Räume mit der Ausstellung "Gegen das Vergessen" über das Konzentrationslager Mauthausen eröffnet. Der "Förderverein Subkultur" ist Träger der KTS und Untermieterin der Stadtverwaltung, die wiederum ihrerseits Mieterin der Deutschen Bahn AG ist. Nach zwei Jahren hat das Selbstverwaltungskonzept und die politische Arbeit, die in der KTS geleistet wird, den Gemeinderat überzeugt: Er würdigt die KTS als wichtige Institution und zahlt übernimmt die Miete.

Ein kleiner Zwischenfall zeigt, dass auch Ex-Besetzer vor Besetzung nicht sicher sind. Am 15. September 1999 wurde die Wohnung über der KTS durch ein "Autonomes Büro" okkupiert und am 28. Oktober geräumt. Dann blieb es jahrelang ruhig um den "Kulturtreff in Selbstverwaltung". Bis er Ärger bekam mit dem Hauseigentümer, der Deutschen Bahn AG.


Dieser Artikel ist Teil eines KTS-Features der Badischen Zeitung


Quelle: Badische Zeitung vom Mittwoch, 7. Juli 2004