Kommunismus und Israel

Vortrag und Diskussion mit Klaus Hingsen, Göttingen

Donnerstag, 22.7.04, 20 Uhr, KTS
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe gegen jeden Antisemitismus

Es kann heute wohl als linke Binsenweisheit gelten, dass wer von Israel spricht, von Auschwitz nicht schweigen darf.

Die neue Linke war in ihrer 35-jährigen Geschichte nie fähig, den Massenmord an den europäischen Juden als Menschheitsverbrechen und damit als Zivilisationsbruch aufzufassen.

Ebenso wenig zielte sie darauf ab, "ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe", wie Adorno den kategorischen Imperativ zeitgemäßen Handelns formulierte. Weil die Erfahrung in Theorie und Praxis nicht aufgenommen wurde, blieb sie den Begriffen und Kategorien des linken Durchschnittsverstandes äußerlich. Der berühmte "Pessimismus" in Adornos Imperativ scheint auch kaum mit dem linksradikalen Drang nach Unmittelbarkeit vereinbar. Man möchte weiter machen, als wäre nichts gewesen und die Konsequenz aus der Shoah ignorieren, dass kein positives Telos der Geschichte mehr anzunehmen und kein direkter Zugriff auf verändernde Praxis mehr möglich ist. Statt sich dieser Einsicht zu stellen, schafft man sich eine Welt der Ideen als Lebensraum, die jene Freiheit scheinbar noch gewährt. Als besonders radikal gelten gerade diejenigen Vorstellungen, die möglichst wenig mit der Wirklichkeit zu tun zu haben. Exemplarisch hierfür ist der seit kurzem unter Linken populäre platte Antinationalismus, der doch das Gegenteil der Kritik der Nation ist. Man spricht sich gegen Nation und Staat aus, indem man sich auf das "eigentliche Ziel" einer staaten- und klassenlosen Gesellschaft beruft, um die Realität der notwendigen Solidarität mit Israel abzulehnen. Dieser postmodern beliebige Antinationalismus glaubt sich Auschwitz und dem Antisemitismus nicht stellen zu müssen, indem er sich - wie der Mainstream der Berliner Republik - als "postnational" definiert und die Vergangenheit nationalgeschichtlich totredet. Als verfolgende Unschuld äußert er immer das gleiche Ressentiment. Wenn der (Anti-)Nationalismus sich ausgerechnet am israelischen Staat austobt, der doch auf der Erfahrung der Juden gegründet ist, ohne organisierte Gewalt in der Welt der Nationalstaaten nicht überleben zu können, so bedeutet dies die Preisgabe des letzten Rests von Aufklärung.

Bittere Wirklichkeit hingegen ist der weltweite Antisemitismus, wenn sich von den Selbstmordbombern der Hamas über die UN-Vollversammlung bis zu Bevölkerung und politischer Führung der EU-Staaten das ideele Band einer antisemitischen Internationale spannt. Dies zeigt umso deutlicher, dass die Vergesellschaftung in Staat, Nation und Kapital die Potenz zu ihrer barbarischen Selbstaufhebung in sich trägt.

Daher ist die Frage nach Solidarität mit Israel die Gretchenfrage, an der sich zeigt, ob es ernst gemeint ist mit Marx’ bestimmter Kritik "alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist", wie sie in Adornos Kategorischen Imperativ aufgehoben ist. Oder ob es sich nur um ein eitles Bekenntnis handelt, das den Persilschein fürs Gewissen ausstellen soll.

Klaus Hingsen ist mit Kritischer Theorie bewaffneter Aktivist des a:ka Göttingen.