Vom Antisemitismus zum Antizionismus

Vortrag und Diskussion mit Thomas Haury, Freiburg

Mittwoch, 23.6.2004, 20 Uhr, KTS
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe gegen jeden Antisemitismus

Antizionismus habe nichts mit Antisemitismus zu tun, ist heute noch immer eine gängige Phrase. Schließlich sei der Zionismus anfangs doch am meisten von jüdischer Seite angegriffen worden. Und auch die sozialistische Bewegung habe den Zionismus von Anfang an mit diskutablen, nicht antisemitischen Begründungen abgelehnt. Beide historischen Aussagen sind richtig. Aber trotzdem ist der Antizionismus engstens mit dem Antisemitismus verwandt und verschwägert, mitunter schlichtweg ein direkter Abkömmling desselben. Letzteres gilt augenfällig für den Antizionismus von rechts. Schon ab dem ersten Zionistischen Kongreß 1897 in Basel weckte der Zionismus die Phantasien der Antisemiten; in er Folgezeit wurde der Zionismus als ein weiterer Teil des jüdischen Weltherrschaftsstrebens in das antisemitische Weltbild eingebaut. Der NS-Ideologe Arthur Rosenberg verfaßte eigens die Schrift "Der staatsfeindliche Zionismus".

Doch auch von links äußerte sich nach 1945 ein Antizionismus, dessen Verwandtschaft mit dem Antisemitismus offensichtlich ist. Seine Herkunft ist allerdings eine andere: Er entspringt einem Kernelement der gemeinen linken Weltsicht: dem Antiimperialismus. Vergleicht man die Grundstrukturen der antiimperialistischen Weltsicht mit jenen des Antisemitismus wird deutlich: der Antiimperialismus ist genuin nationalistisch und strukturell antisemitisch.

Ausgerüstet mit dieser auf Lenin zurückgehenden Weltsicht ergriff die Kommunistische Internationale schon ab Ende der 1920er Jahre zunehmend Partei für die durch und durch reaktionäre arabisch-palästinensische Bewegung. Der Ostblock propagierte dann bis zu seinem Ende einen unverblümt antisemitischen Antizionismus. Und als nach 1967 der Trikont zur Projektionsfläche der revolutionären Sehnsüchte der metropolitanen Neuen Linken wurde, feierte auch diese den "palästinensischen Volkskrieg". Das "zionistische Gebilde" sollte verschwinden.

Von Antisemitismus oder gar Auschwitz wollte die Linke am liebsten gar nichts hören. Wohl aber entdeckte sie in den Zionisten die Nazis von heute, die einen "Holocaust an am palästinensischen Volk" verüben würden. Auf Kosten des Judenstaates betrieb die Linke die Entschuldung der "deutschen Nation" von Auschwitz - ein sekundärer Antisemitismus, den die Rechte inzwischen übernommen hat. Wenn heute die "linke" Parole "Sieg im Volkskrieg!" von mit Pali-Tüchern ausstaffierten Neonazis skandiert wird, wird offenbar, wie kurz der Weg vom "Antiimperialismus der dummen Kerls" (Isaac Deutscher) zum antisemitischen Antizionismus ist.

Thomas Haury ist u.a. an der Uni Freiburg tätig und hat zu den Themen Antisemitismus, Antizionismus, Nationalismus und Anti-Amerikanismus zahlreiche Texte publiziert. Letzte Buchveröffentlichung: "Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR."