Alle reden von der NPD. Aber wenn rechte Parolen die einzigen Perspektiven sind, die junge Menschen haben, dann liegen die Probleme viel tiefer. Ein Besuch in Sachsen. Von Alex Rühle.

Im Regionalexpress von Leipzig nach Chemnitz sitzt ein waschechter Skin - Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel - und telefoniert mit seinem Handy. Jedesmal, wenn sich am anderen Ende jemand meldet, sagt er mit brummelnder Bass-Stimme: "Heil!" Er sagt es nicht stramm, sondern gelangweilt und langgezogen, wie "Moorgen" oder "Maahlzeit". Ganz normal eben.

Die acht anderen Fahrgäste inklusive eines Westjournalisten sagen auch beim achten Mal nicht, dass der Hitlergruß gesetzlich verboten sei, sondern schauen nur müde oder verdruckst ins östliche Wintergrau.

Ein paar Tage zuvor. Ein Anruf bei Peter Streubel vom "Netzwerk für Demokratie und Courage". Man suche nach Schuldirektoren, die bereit seien, über rechte Jugendkultur zu sprechen. Streubel lacht: Hmm, das werde schwierig...

Gut, ist verständlich. Wenn man als westdeutscher Journalist sagt, es gehe um Neonazis an den sächsischen Schulen, wird man wahrscheinlich so herzlich empfangen, als behauptete man, der Neffe von Helmut Kohl zu sein und blühende Landschaften im Kofferraum zu haben.

Dann lieber still sein...

Nein, sagt Streubel, das Problem sei ein anderes. "In Sachsen müssen wegen Schülermangels Schulen geschlossen werden. Wenn da jemand zugibt, dass er Probleme mit den Rechten hat, ist seine Schule quasi schon zu." Der Mann hat eine sanfte, freundliche Stimme, Polemik liegt ihm fern. Deshalb hat es etwas überraschend Komisches, wenn er auf die Frage nach Direktoren, die das Problem trotz dieser Gefahr offensiv angehen, nur sagt: "Hmm, da haben wir leider noch keine kennen gelernt."

Probe aufs Exempel: Am heutigen Samstag wird ganz in der Nähe der Chemnitzer "Mittelschule am Flughafen" ein rechter Szene-Laden eröffnet, "PC-Records", und zwar schön nah an der potenziellen Klientel. Die Schule kann natürlich nichts dafür. Aber spricht man darüber mit einer Lehrerin, sagt die sofort, man dürfe auf keinen Fall was auch immer zitieren, schließlich könne das rufschädigend sein. Na dann.

Gehen wir eben woandershin. Besuchen wir Ulrike Schulz an der Unteren-Luisen-Mittelschule. Die Frau sollte man unbedingt mal Peter Streubel vorstellen, falls wieder mal jemand anruft, der auf der Suche ist nach jemandem, der mutig, frisch und witzig sagt, was Sache ist. Auf dem Weg zu ihr muss man nur leider erstmal durch die zugige Innenstadt von Chemnitz.

Verbotenes Trend-Label

Das Gegenteil einer repräsentativen Studie ist eine zufällige Begegnung vor dem Kaufhof von Chemnitz. Und dennoch... Auf die Frage, warum sie denn Thor-Steinar-Jacken trügen, sagt einer der beiden Jungen nur: "Wessi, was?" Ja schon, aber das alte Logo der Jacke sei trotzdem verboten.

Die Firma Mediatex hat in den vergangenen Jahren Freizeitkleidung der Marke Thor Steinar hergestellt. Das Zeug fand reißenden Absatz und wurde innerhalb kürzester Zeit zum Trendlabel. Zum einen, weil es chic aussieht und von guter Qualität ist. Zum anderen betreibt Mediatex ein geschicktes Spiel mit den Insignien der NS-Zeit.

Der Junge schaut auf die ineinander verschobenen Tyr- und Gibor-Runen, Abzeichen der SA-Reichsführerschulen und der SS-Division "Das Reich", die kaum jemand kennt und die dezent an der Jacke angebracht sind. "Ist die verboten!?", fragt er mit gespieltem Entsetzen. Sein Freund verdreht die Augen: "Alter, ist nicht alles nazi, was so ’ne Jacke trägt."

"Sie erkennen es nicht mehr"

Genau darum geht’s. Wenn "Stinos", also stinknormale Jugendliche, Thorshämmer aus Messing tragen, kann das einfach nur ein chices heidnisches Esoterikemblem sein. Wenn man als Jugendlicher bei Germanenwettkämpfen um die Wette Kuhaugen spuckt oder Baumstämme wirft, kann das ebenfalls reiner Zeitvertreib sein. Und Burschenschaften sind doch per se nichts Schlimmes, oder?

"Sie erkennen es nicht mehr", sagt Ulrike Schulz, die seit 1990 Direktorin der Unteren Luisen-Schule ist. "Früher wusste man gleich, der ist rechts. Heute verschwimmt das alles." Einige Rechtsextreme schmücken sich mittlerweile sogar mit Palästinensertüchern und Che-Guevara-Shirts. Wenigstens das ist in der Szene noch umstritten. Ansonsten aber gilt: Hauptsache smart, Hauptsache chic. Es ist ja nur das martialische Skinhead-Outfit, das bei vielen auf Ablehnung stieß, rassistische oder nationalistische Rhetorik ist längst en vogue.

Hilfloser Unsinn

Frau Schulz ist etwas erschöpft, sie muss mal wieder einen Aktionstag vorbereiten. "Was für ein hilfloser Unsinn. Wir machen Aktionstage gegen rechts, Aktionstage fürs Lesen und einen Aktionstag Schulmilch - dabei gibt es nicht mal was Anständiges zu essen an der Schule."

Wie sie den Fahrplan für den diesjährigen Aktionstagsaktionismus runterbetet, erinnert das an die Gedenkkultur der DDR, die ihre Bürger immer neu dazu aufforderte, "zu neuen Menschen" zu werden, ohne dabei die strukturellen Bedingungen für einen wirklichen Wandel zu schaffen. "Wir sind eh schon Sozialpädagogen, Krankenschwestern, Elternersatz und Verwaltungsbeamte. Und wenn was nicht gut läuft, heißt es: Macht mal ein Projekt. Dann sind wir eben auch noch Projektleiter. Das Einzige, was fehlt, ist die Menschenbildung. Gegen das Grundübel nutzt kein Projekttag."

Minderwertigkeitsgefühle

Was ist denn das Grundübel? "Gehen Sie mal in eine unserer Hauptschulklassen. Wer hat da noch einen Vater? Und die spüren doch alle, dass wir hier was produzieren, was keiner draußen will." Soziologen sprechen in dem Zusammenhang von langfristig gewachsenen Minderwertigkeitsgefühlen, fehlender Ich-Stärke, antizipatorischem Hospitalismus, der auf Hilfe von höheren Instanzen wartet. Die beiden Jungen vor dem Kaufhof meinten vielleicht was Ähnliches, als sie enigmatisch sagten: "Ist nur ’ne Jacke. ’Ne Jacke von ’ner Gruppe."

Vielleicht sollte man sich in Sachen Gruppenbildung doch nochmal umschauen im Angebot von "PC-Records", dem Laden, der heute in der Salvador-Allende-Straße 110 eröffnet wird. Hier kann man neben den üblichen CDs von White Resistance, Nahkampf oder Gnadenlos und Walhalla-Gürtelschnallen auch "Ian Stuart - Der Rock-Rebell" kaufen, "die Biografie des wohl größten Rock-Rebellen der nationalen Musikszene". Des nutzt bei denen nischt

Popmusik als Köder

Ian Stuart Donaldson, der 1993 starb, erkannte früher als andere, dass junge Leute über Pop viel besser zu ködern sind als über Veteranen-Geschichten aus Stalingrad. "Eine Gruppe zu hören, die man gut findet, macht viel mehr Spaß als eine politische Versammlung", schrieb er. "Ziel unserer Musik muss es sein, Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen."

So wurde im November ganz in seinem Sinne eine CD mit dem Titel "Anpassung ist Feigheit. Lieder aus dem Untergrund" in einer Auflage von immerhin 250 000 Stück gepresst, die kostenlos an Schulhöfen verteilt werden sollte. Am Ende durfte sie dann aufgrund ihrer Jugendgefährdung unter Strafandrohung nicht vertrieben werden. Allerdings sind etwa 50 000 dieser CDs verschwunden.

Spricht man Ulrike Schulz, die selbst Geschichte unterrichtet, auf den Nationalsozialismus an, sagt sie: "1933 bis 45 - darüber wissen die nichts. Gar nichts." Auch auf der Homepage der Burschenschaft "Theodor Körner zu Chemnitz", die am Humboldt-Gymnasium beheimatet ist, kommen im Abriss über die Geschichte der Stadt diese Jahre nur kursorisch vor: "Auch in Chemnitz hinterließen die innere Zerrissenheit der Weimarer Republik und die Weltwirtschaftskrise ihre Spuren. Den schwersten Schicksalsschlag bedeuteten aber zweifelsohne die Kriegsjahre: 1945 zerstörten alliierte Bomber zwei Drittel der Stadt, sozialistische Bauwut vernichtete danach auch die letzte historische Substanz."

Ungemütliche Referate

Die Burschenschaften seien schwer im Kommen, sagt Petra Zais. Als Mitarbeiterin des Mobilen Beratungsteams Neukirchen berät die Soziologin Vereine, Lehrer, Kommunen in Sachen Demokratie und Rechtsextremismus. Sie sitzt in einem Chemnitzer Café, nikotingeschrubbte Stimme, staubtrockener Humor. "Die Burschenschaften geben Diskurse vor. Und wenn sich ein 15-Jähriger plötzlich wunderbar benimmt und auf politische Themen anspringt, dann freut sich ein Lehrer natürlich erstmal. Erst wenn er dann das erste Referat über die Weisen von Zion und den Bomben-Holocaust hält, wird es ungemütlich."

Zais betreibt demokratische Grundausbildung. "Was Sie von manchen Lehrern zu hören kriegen, das zieht Ihnen die Schuhe aus." Letzthin las sie zu Beginn eines Kurses einige Statements der NPD vor: Abschiebung krimineller Ausländer; Volkstod der Deutschen; 500 Euro für jedes deutsche Kind. "Da hieß es dann: ,Stimmt doch alles. Bin ich jetzt rechtsextrem, Frau Zais?’"

Oder der Mann, der auf meine Frage, warum ein straffälliger Ausländer nicht nach dem Strafgesetzbuch verurteilt werden soll wie ein Deutscher, antwortet: ,Des nutzt bei denen nischt.’" In seiner Langzeitstudie "Deutsche Zustände" kommt der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer in diesem Jahr zu dem Schluss, 60 Prozent der Deutschen seien xenophob; 2002 waren es 55 Prozent.

Der Anstieg der Feindseligkeit gegenüber Minderheiten geht Heitmeyer zufolge besonders auf Personen zurück, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen. "Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Die Zahlen sind bestimmt nicht untertrieben," sagt Zais.

NPD ist nur ein Teil der Probleme

Weshalb sie sich auch so ärgert, dass momentan nur über die NPD geredet werde. "Alles starrt auf die paar Abgeordneten wie das Kaninchen auf die Schlange. Und wendet sich ab von dem, was hier sonst passiert, den Jugendclubs, den Reps, den Burschenschaften. Die Burschenschaften reanimieren die nostalgische Idee des Volkskörpers, die Tradition der abgegrenzten Gemeinschaft. Da gibt es eine direkte Linie von der DDR hin zu diesem rechten Gemeinschaftskult."

Die Rechte hat, so scheint es, in den neunziger Jahren ihren Gramsci gelesen. Nicht gewaltsam den Staat stürzen, sondern erstmal die kulturelle Hegemonie erlangen. Einen langsamen Wertewandel durch Bürgernähe erzeugen. Ist doch schön, wenn hier einer das Jugendheim renoviert. Und was ist gegen Vereine mit so schmucken Titeln wie "Ja zu Brandenburg", "Schöner wohnen in Ueckermünde" oder die "Bürgerbewegung pro Köln" zu sagen?

Wenn die da oben in Berlin sich nicht mehr kümmern, dann nehmen sich eben deutschlandweit engagierte Mitmenschen der Probleme ihrer Nachbarn an. Leben Sie, wir kümmern uns um die Details. Um Asylbewerberheime und die Zukunft unseres Landes. Oder in den Worten der "Bürgerbewegung pro Köln", die es mit folgendem Programm immerhin in den Stadtrat gebracht hat: "Nicht länger unterstützt werden verfassungsfeindliche Extremisten, Schwulen- und Lesbengruppen sowie obskure Multi-Kulti-Projekte von Alt-68-ern." Wie gesagt, all das sind Details, die aber sicher bald deutschlandweit in den Griff zu bekommen sind.


Quelle: Süddeutsche Zeitung vom Samstag, 5. Februar 2005


Weitere Infos gibt es auf unserer Übersichtsseite zu "Thor Steinar".