Polizei geht Neonazis an die Wäsche

Kleidungsstücke der Marke ’’Thor’’ Steinar sind jetzt in Berlin verboten. Damit schmückten sich Nazis gern. Aber die Polizei beschlagnahmt die Klamotten.

von Plutonia Plarre

Das Firmenlogo von Thor Steinar ist diskret gehalten, wie es sich für Designerware gehört. Es besteht aus zwei altgermanischen Runen, die miteinander verschränkt sind: Die nach einem nordischen Kriegsgott benannte Tyr-Rune war unter Adolf Hitler im Abzeichen der Reichsführerschulen zu sehen. Die Gibor-Rune war das Erkennungszeichen der Nazi-Werwolf-Einheiten. Klamotten von Thor Steinar werden mit Vorliebe von Neonazis getragen. Weil die Bedeutung des Logos nur Insidern bekannt ist, konnten man sich damit bislang gefahrlos in aller Öffentlichkeit zeigen. Doch diese Zeiten sind nun vorbei.

Am vergangenen Freitag hat der für die Verfolgung von politischen Delikten zuständige Oberstaatsanwalt Jürgen Heinke verfügt, dass das Thor-Steinar-Logo in Berlin fortan als "strafrechtlich relevant" anzusehen ist und deshalb verfolgt wird. Mit dieser Entscheidung ist Berlin dem Bespiel Brandenburgs gefolgt. Dort droht Trägern von Thor-Steinar-Kleidungsstücken seit mehreren Wochen eine Strafanzeige wegen Verwendens von verfassungsfeindlichen Symbolen.

Heinkes Unterschrift auf der Verfügung war kaum getrocknet, da zeigte die Entscheidung in Berlin schon Wirkung: Weit über zehnmal ist die Polizei am vergangenen Wochenende in Sachen Thor-Steinar-Klamotten tätig geworden. Am Sonntag beim Fußballspiel Türkiyemspor gegen den BFC Dynamo wurden die Beamten ebenso fündig wie Samstagnacht im Anschluss an die Demonstration der Neonazi-Kameradschaft "Baso" in Lichtenberg. In der Mehrzahl der Fälle wurden die Kleidungstücke beschlagnahmt. Im Klartext: Die Polizei veranlasste die Rechtsradikalen, die Hemden, Pullover und Mützen mit dem Logo auszuziehen. In einem Fall, in dem das Logo auf einer Hose prangte, wurde dem Besitzer erlaubt, diese anzubehalten, nachdem er die Rune vor den Augen der Beamten rausgeschnitten hatte.

Dieser Vorfall hatte sich Samstagnacht Unter den Linden ereignet. Sieben Männer und zwei Frauen waren Passanten aufgefallen, weil sie rechtsradikale Parolen gebrüllt hatten. Beim Eintreffen der Beamten habe ein 19-Jähriger aus dem Landkreis Dahme-Spreewald den Hitlergruß gezeigt, heißt es in der Pressemitteilung der Polizei zu dem Vorfall. Damit nicht genug, klingelte während der Personalienüberprüfung auch noch das Handy des Mannes. "Als Klingelton war eine Rede Adolf Hitlers mit den Abschlussworten ,Sieg Heil’ so laut zu hören, dass sich anwesende Passanten verwundert umdrehten", so die Polizei.

Möglicherweise werden die meisten Verfahren eingestellt, weil die Einstufung des Thor-Steinar-Logos als strafrechtlich relevant in der Szene am Wochenende noch nicht bekannt war. Dass der Besitzer des besagten Handys zu den Glücklichen gehört, kann sich Oberstaatsanwalt Heinke allerdings kaum vorstellen.


Quelle: taz vom Dienstag, 23. November 2004


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