Apparatschnik, die 5. Antifa-Kneipe

Mittwoch - 15.03.2006 - 20 Uhr - KTS

Wie ein "amerikanisierter" Bundestrainer dem Land dabei hilft, über sich selbst hinauszuwachsen, warum Jürgen Klinsmann zur postnazistischen deutschen Unbeschwertheit passt wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer, was er mit Schröderfischermerkel gemein hat, wie sein publizistischer Flankenschutz aussieht, weshalb auch viele Linke ihren Frieden mit der deutschen Nationalmannschaft gemacht haben und über die Sorgen besonders engagierter deutscher Fans um ihren Anteil am WM-Kuchen berichtet Alex Feuerherdt (Bonn).

„Fußball und Nationalismus“ - Vortrag & Diskussion: „Die Klinsmanndeutschen“

Was der neue Fußball-Bundestrainer mit den Berliner "Stelenspringern" gemein hat und warum auch viele Linke ihre Nationalmannschaft wieder mögen.

Ein paar Mal werden wir noch wach, dann ist wieder Weltmeisterschaft. Wie die kleinen Kinder am Heiligabend können’s die meisten kaum noch erwarten. Und da dieses Turnier auch noch hierzulande ausgetragen wird, erhält es erst recht den Rang einer nationalen Pflichtveranstaltung. Schließlich sind "wir" nicht nur Papst, sondern auch Deutschland und wollen daher natürlich endlich wieder Weltmeister werden. Oder etwa nicht?

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Nun ist dummerweise nicht alles Gold, was seinen Glanz abstrahlt. Das kickende Personal präsentiert sich derzeit alles andere als weltmeisterlich, Tickets kriegt längst nicht jeder, und die Stiftung Warentest hat sich unlängst beinahe des Vaterlandsverrats schuldig gemacht, als sie den WM-Arenen schlechte Zeugnisse ausstellte. Zu allem Überfluss weiß man auch gar nicht so genau, was der Klinsmann eigentlich für einer ist: Der "große Reformator des deutschen Fußballs" oder doch nur "ein ehrgeiziger Anfänger, der Spieler und Öffentlichkeit mit Reizen überflutet und dessen ambitionierte Amerikanisierung mehr Schein als Sein darstellt" (Welt), der uns also alle bloß arglistig täuscht und hinterher wieder über den großen Teich entschwindet? Man ist noch unsicher, ob er mehr den verhassten Bush gibt oder doch eher Schröderfischermerkel.

Nun, Jürgen Klinsmann passt auf jeden Fall zur neuen deutschen Unbefangenheit wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer, und die Politik wäre froh, wenn sie auch so einen hätte wie den "Visionär" (Zeit). Er strahlt unbändigen Optimismus aus, ist zukunftsfroh und packt an, statt zu meckern. Er hält alles für eine Frage des Willens und appelliert an das Selbstvertrauen und den Glauben an die eigene Stärke. Er versteckt sein Team bei der WM nicht im provinziellen Leverkusen, sondern schickt es nach Berlin, weil "die Quartierwahl unser Selbstbewusstsein ausstrahlen soll", wie er selbst sagt. Er verkündet das Ende der Bescheidenheit und verspricht den Titel. Er krempelt den Fußball um und macht alles neu. Kurz: Er behandelt sein Land wie einen guten Freund und ist ein "Hoffnungsträger" (Welt).

Auch viele Linken verhehlen ihre Sympathie für Klinsmann nicht: Er ist nicht so peinlich wie Lothar Matthäus, sondern kommt intellektuell rüber, spricht mehrere Sprachen und ist weltgewandt; er macht sich nicht mit dem grölenden Mob gemein, genießt aber trotzdem einen gewissen Kultstatus und hat als Bäcker sogar noch einen proletarischen Beruf erlernt. Nationalsozialismus findet er doof, weil er will, "dass so etwas nie wieder passiert". Wäre da nicht so viel "Sound of Neoliberalismus" (taz) bei ihm - man könnte ihn glatt richtig lieb haben, den "polyglotten Sonnyboy" (Welt). So verdächtigen sie ihn noch ein bisschen, mehr USA als Old Europe zu sein, aber ein hässlicher Deutscher ist er jedenfalls schon mal nicht.

Ein anderer Teil der Linken bleibt bei seiner Ablehnung der deutschen Nationalmannschaft inklusive Chefcoach. Man hält das WM-Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" für pure Heuchelei, wittert deutschnationale Eruptionen und fürchtet den völkischen Pöbel, der bereits in den Startlöchern sitze und mit den Hufen scharre wie weiland 1990 nach "Wiedervereinigung" und WM-Gewinn. Diese Linken ignorieren, dass sich die nationale Konstitution seitdem verändert hat (ohne dass das heißen soll, damit sei irgendetwas besser geworden): Zwar schlummert das Pogrompotenzial nach wie vor in den Deutschen, aber es wird längst nicht mehr so häufig abgerufen wie noch zu Beginn der 1990er Jahre - übrigens auch nicht in den Fußballstadien -, denn das wäre derzeit gegen die Staatsräson. Inzwischen hat sich ein "nationaler Nie-wieder-Konsens" (Tjark Kunstreich) etabliert, der keinen Schlussstrich unter die Vergangenheit mehr fordert, sondern Nazis hässlich findet, die Debatte um den Nationalsozialismus beständig perpetuiert und die "Vergangenheitsbewältigung" zum Exportschlager und Standortvorteil gemacht hat.

Diese veränderte Verfasstheit übersetzt sich in eine neue deutsche Unbeschwertheit von Volk & Führung: Man wähnt sich mit sich und der Geschichte in Frieden und geht daher längst daran, die Weltenübel unverhohlen beim Namen zu nennen: Die kriegsgeilen, oberflächlichen und kulturell minderwertigen Amis bekommen die Leviten gelesen, und auch von den frechen Juden lässt man sich schon lange nichts mehr vorhalten. Die Deutschen wachsen wieder über sich hinaus, finden zu sich selbst und applaudieren begeistert ihrem "Friedenskanzler", wenn der ganz offensiv einen "deutschen Weg" proklamiert.

Über die Klinsmanndeutschen, ihren publizistischen Flankenschutz, die Sorgen besonders engagierter deutscher Fans um ihren Anteil am WM-Kuchen und den Zusammenhang zwischen dem neuen Bundestrainer und den "Stelenspringern" in Berlin berichtet Alex Feuerherdt (Bonn), Mitarbeiter der Kölner Vierteljahreszeitschrift Prodomo, Co-Autor der Bücher "Best of WM" und "Best of Bayern" (beide erschienen im AGON-Sportverlag) und ehemaliger Oberliga-Schiedsrichter.


Mira und Said von Radio Dreyeckland führten im Vorfeld ein Interview mit Alex Feuerherdt.