Im April 2004 hielt Jörg Kronauer einen Vortrag in der Uni Freiburg über Studentenverbindungen.

Vorbemerkung: Differenzierung ist wichtig

In Deutschland gibt es ungefähr 1.000 Studentenverbindungen mit 22.000 studierenden Mitgliedern und 135.000 Alten Herren. In Freiburg gibt es fast 30 Studentenverbindungen.

Bei der kritischen Betrachtung von Studentenverbindungen ist es wichtig zu differenzieren, um den Unterschieden zwischen verschiedenen Studentenverbindungen gerecht zu werden. Häufig wird ungerechtfertigt pauschalisiert, zum Beispiel: Verbindungsstudenten werden oft allgemein als „Burschenschafter“ bezeichnet. Studentenverbindungen (gleichwertige Bezeichnung: Korporationen) gibt es in verschiedenen Ausprägungen, Burschenschaften sind eine davon. Die verschiedenen Arten von Studentenverbindungen unterscheiden sich in manchem voneinander, sie haben aber auch ihre Gemeinsamkeiten - Gemeinsamkeiten, die im 19. Jahrhundert ihre heute gültige Form erhalten haben.

1. Gemeinsamkeiten aller Studentenverbindungen

1.1. Zulassungsbestimmungen

Studentenverbindungen nehmen nicht jeden Studenten und jede Studentin auf. Sie haben bestimmte Zulassungsbestimmungen. Diese Zulassungsbestimmungen hängen mit den Unterschieden zwischen verschiedenen Sorten von Studentenverbindungen zusammen; die Tatsache, dass sie nicht für alle offen sind, ist so gut wie allen von ihnen jedoch gemeinsam.

1.2. Abgestufte Mitgliedschaft

Wer in eine Studentenverbindung eintritt, ist nicht sofort vollgültiges Mitglied. Zunächst ist man - für ein oder zwei Semester - Fux. Der Fux lernt, sich seiner Studentenverbindung anzupassen, er hat Unterricht beim Fuxmajor und einen speziellen Leibbursch für die Alltagsfragen. Nach Ablauf der Fuxenzeit erlebt er seine Burschung und wird zum Vollmitglied. Als Aktiver soll er in seiner Studentenverbindung Ämter bekleiden (Sprecher, Kassenwart etc.). Nach vier bis sechs Semestern wird der Aktive von derartigen Aufgaben entlastet und ist bis zum Ende seines Studiums Inaktiver. Die Aufnahme der Berufstätigkeit geht mit einem erneuten Statuswechsel zum Alten Herrn einher. Die Alten Herren schließen sich eigens in Altherrenverbänden zusammen, sie tragen einen bedeutenden Teil zur Finanzierung eines Verbindungshauses bei - dies ermöglicht es Studentenverbindungen in der Regel, potentielle Mitglieder mit billigen Wohngelegenheiten zu ködern.

1.3. Lebensbundprinzip (Seilschaften)

Wer in eine Studentenverbindung eintritt, bleibt sein Leben lang Mitglied und fühlt sich sein Leben lang den anderen Verbindungsmitgliedern eng verbunden. Das Lebensbundprinzip ist die Ursache dafür, dass Studentenverbindungen Seilschaften herausbilden: Verbindungsstudenten, die im Berufsleben stehen (Alte Herren), protegieren jüngere Verbindungsmitglieder - nicht selten mit Erfolg. So mancher Verbindungsstudent gelangt auf diesem Wege in hohe Positionen, was das Selbstbild der Studentenverbindungen stützt, die akademische Elite zu sein.

Am Beispiel von Hamburger Burschenschaften Verbindungskritikerinnen und Verbindungskritiker nachgewiesen, über welch hohes gesellschaftliches Kapital Studentenverbindungen verfügen können. So waren vor wenigen Jahren Mitglied der Hamburger Burschenschaft Hansea: Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Dortmund, ein Geschäftsführer beim Arbeitgeberverband Nordmetall, ein Landesgeschäftsführer beim DRK NRW, ein Geschäftsführer bei Schwarzkopf, ein Verwaltungsleiter bei der Esso AG, ein Generalbevollmächtigter der Deutschen BP AG, ein Personalbeauftragter bei IBM Deutschland, ein Geschäftsführender Gesellschafter bei BASF Brasileira, ein Richter am Hamburger Finanzgericht, ein Vorsitzender Richter am Landgericht Bremen, ein Vorsitzender Richter am Landgericht Lüneburg, ein Richter am Oberverwaltungsgericht Lüneburg, ein Ministerialrat beim Bundesminister der Verteidigung, zwei Ministerialräte beim Bundesminister der Finanzen, ein Militärischer Vertreter bei der NATO sowie der Chefredakteur des „Vertriebenen“-Blattes „Pommersche Zeitung“. (Anke Beyer u.a.: „... und er muss deutsch sein...“. Geschichte und Gegenwart der studentischen Verbindungen in Hamburg, Hamburg 2000) Und das sind nur einige der „Hanseaten“, die über eine einflussreiche gesellschaftliche Stellung verfügen.

1.4. Elitendenken

Studentenverbindungen sind geprägt von ihrem Selbstverständnis, Teil der akademischen Eliten zu sein. Ein paar Zitate als Beispiel:

„Die Masse ist nicht besonders klug. Die Masse ist noch weniger fleißig, und am allerwenigsten ist sie ausdauernd. Die Schwachen suchen das Kollektiv, um in der Addition der Masse sich stark zu fühlen (...). Dieser Masse gegenüber steht jene ‚Elite‘, die - ich wiederhole es - in jeder Gesellschaft vorhanden sein muss, um eine Ordnung in Freiheit und Recht zu gewährleisten (...). Es gibt eine nobilitas naturalis, eine natürliche Nobelheit, eine natürliche Berufung und Eignung zur Führung“.
(Prof. Hettlage, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, academia 1966)

„Zum Natur- oder Geisteswissenschaftler, zum Mediziner oder zum Techniker wird man an der Hochschule ausgebildet - zum Akademiker aber bildet man sich im Lebensbund heran“.
(Herbert Kessler 1985)

„Wir wollen auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft entsenden.“
(Manfred Kanther, Corps Guestphalia et Suevoborussia Marburg, 1990).

1.5. Traditionsfixiertheit (struktureller Konservatismus)

Wer in eine Studentenverbindung eintritt, muss zunächst ihre tradierten Verhaltensregeln erlernen. Dazu gehören auch Feierriten: So genannte Kneipen, bei denen nach festgelegten Regeln gesungen, gelacht und getrunken wird. Die Kneipe ist Erziehungsmittel und begünstigt den strukturellen Konservatismus der Studentenverbindungen: Das Mitglied lernt, sich in vorgegebenen Strukturen zu bewegen.

Ein Beispiel für verbindungsstudentische Riten ist der so genannte „Bierjunge“. Hat ein Verbindungsstudent einen anderen beleidigt, dann darf der Beleidigte „Bierjunge“ sagen. Der Beleidiger antwortet mit dem Wort „hängt“. Darauf werden "Sekundanten" und ein „Unparteiischer“ ausgewählt, die das folgende Trinkduell überwachen. Beleidiger und Beleidigter erhalten ein volles Glas Bier, der „Unparteiische“ vollzieht schwülstige Sprüche, die mit eigentümlichen Befehlen enden: „Das Kommando zieht scharf: Vom Tisch des Hauses auf den Boden, vom Boden an den Hoden, vom Hoden an den Nabel, vom Nabel an den Schnabel, senkrecht setzt an und sauft’s!“ Beleidiger und Beleidigter müssen die genannten Bewegungen mit dem Bierglas ausführen und anschließend das Glas leeren. Wer zuerst ausgetrunken hat, hat gewonnen. Wer beim Trinken etwas verschüttet, hat verloren. Der Bierjunge kann beliebig oft wiederholt werden. Das führt zu hohem Alkoholkonsum in minimaler Zeit. Die meisten Verbindungshäuser verfügen über so genannte „Bierpäpste“, die in solchen Situationen ihre Nützlichkeit erweisen. Bei „Bierpäpsten“ handelt es sich um fest installierte Kotzbecken mit Haltegriffen, die auch in betrunkenem Zustand halbwegs kontrollierte Flüssigkeitsabgabe ermöglichen.

„Kontrolle“ ist im Zusammenhang mit verbindungsstudentischen Trinkriten ein wichtiges Stichwort. Während der ritualisierten Feiern (Kneipen) darf ein Verbindungsstudent sich einen etwaigen Verlust der Kontrolle über Körper und Geist nicht anmerken lassen. Füxen wird darüber hinaus gelegentlich für einen bestimmten Zeitraum der Toilettenbesuch verboten. Umfangreicher Bierkonsum führt in beiden Fällen zu Schwierigkeiten, deren Überwindung eine intensive Selbstdisziplinierung verlangt. Dabei lernt der Verbindungsstudent, sich selbst unter starken Anstrengungen auch rational nicht begründbaren Regeln zu unterwerfen. Verbindungsstudentische Trinkriten sind Teil verschiedener Praktiken, in denen Verbindungsstudenten trainiert werden, sich vorgegebenen Gebräuchen unterzuordnen; zusammengenommen bilden diese Praktiken einen festen Anker für den strukturellen Konservatismus der Studentenverbindungen.

„Trotz eines gewissen einzuhaltenden Zeremoniells darf nicht vergessen werden, dass (...) auch die Kneipe ein Prüfstand ist, auf dem der junge Corpsstudent zeigen soll, mit welcher Sicherheit er sich in dem ihm vorgegebenen Rahmen frei und ungezwungen bewegen kann. Beherrscht er ihn einmal, wird es ihm später im gesellschaftlichen und beruflichen Leben gut zustatten kommen. (...) Dazu gehört auch, und gewiß nicht an letzter Stelle, die Erfahrung und die Kraft der Selbsteinschätzung, wann die eigene Grenze erreicht ist. Auch in vorgerücktem Stadium die guten Sitten und Bräuche zu beherrschen, läßt sich wohl kaum besser als auf der Kneipe im überschaubaren Kreise der Corpsbrüder erlernen.“
(Handbuch des Kösener Corpsstudenten, 1985)

Der Formierungsprozess in Studentenverbindungen verläuft gewollt, aber oft unbewusst. „Die zwischenmenschlichen Tugenden, die uns zur Persönlichkeit prägen, lassen sich indessen nicht durch Vorlesungen, Seminare oder Predigten tradieren, man muß sie durch die Riten einer kleinen Gruppe, durch das Brauchtum einer Lebensform, durch das Vorbild der Älteren mehr unterschwellig als lehrhaft, mehr emotional als verstandesmäßig zur Gewohnheit, zum Habitus, zur Lebensart machen.“
(Herbert Kessler, in: Die Wachenburg, 1986)

2. Differenzen zwischen Studentenverbindungen

2.1. Männerbundprinzip

Die allermeisten Studentenverbindungen sind Männerbünde. Wenige Korporationen haben in den 1970er Jahren begonnen, auch Frauen aufzunehmen - manchmal einfach aus Mitgliedermangel und Finanznöten. Inzwischen gibt es auch einige Studentinnenverbindungen; sie nehmen nur Frauen auf, sind aber strukturell am Vorbild rein männlicher Studentenverbindungen orientiert. Abgesehen von Unterschieden, die sich aus überkommenen Geschlechterklischees ergeben: Verbindungsstudentinnen trinken oft Wasser und Sekt statt Bier.

Der Männerbundcharakter von Studentenverbindungen hat zweifache Wirkung. Zum einen: Von den verbindungsstudentischen Seilschaften profitieren nur Männer, dies verfestigt die reale Männerdominanz in den gesellschaftlichen Eliten. Zum anderen: In den verbindungsstudentischen Männerbünden wird ein überkommenes bipolares Geschlechtermodell konserviert, das ein Aufbrechen von Geschlechterstereotypen verhindert.

Anlässlich größerer Feierlichkeiten werden bei Studentenverbindungen „Damenreden“ gehalten. Sie richten sich an die bei der Feier anwesenden Frauen. Ein Beispiel aus einer „Damenrede“, das das in Studentenverbindungen herrschende Geschlechtermodell zeigt: „Was die Erziehung der Kinder betrifft, ist der Mann so großzügig, daß er dieses Privileg gern der Frau überläßt, zumindest zum größeren Teil. Unbestreitbar ist natürlich das Argument der Frau, daß zu einem Kind immer noch zwei gehören. Aber ist nicht die Frau von Natur aus, dadurch daß sie das Kind vor der Geburt pflegt und hegt und schließlich auch gebärt, geradezu prädestiniert für diese Aufgabe? Ich möchte natürlich Euch, liebe Damen, nicht in bestimmte Verhaltensformen zwängen, nichts läge mir ferner. Ich meine nur, daß es in der Regel so ist (...). Was ist mit der alten Schule des guten Benehmens? Liebe Damen, von denjenigen, die ich unter Euch kenne, weiß ich, daß ihr diese alte Schule sehr schätzt, gern habt, imponierend und anziehend sowie beeindruckend findet. Doch seitdem diese Emanzipation begonnen hat, hat zu den dadurch folgenden gesellschaftlichen Veränderungen diese alte Schule, in unserer älteren Generation noch gut vertreten, proportional abgenommen. Diese Veränderungen sind meiner Meinung nach eine Gefahr für die Kultur, welche gerade durch solche Verhaltensformen ihren so hochgeistigen Grad erreicht hat. (...) Der Preis für diese zur Zeit stark vorangetriebene ‚Emanzipation‘ ist meiner Meinung nach zu hoch. Man überlege einmal, was alles von dieser Harmonie zwischen Mann und Frau (...) abhängt. (...) Die Frau war und ist doch immer diejenige, welche die Lebensbahnen des Mannes lenkt, sie ist ein Teil von ihm, sie prägt den Mann zu zumindest 50%, sie ist doch eigentlich mit ihren weiblichen Waffen fähig, ihre Politik im Kleinen durch ihren Mann im Großen zu machen. Emanzipation ist positiv, zuviel davon ist negativ. Ich denke, die Dosis ist entscheidend. Ich bitte also (...) um Nachsicht, wenn ich Euch, liebe Damen, das höchste Kompliment ausspreche, das wir Männer zu vergeben haben: Ihr seid die schönsten Juwelen unseres Lebens, denn ohne Euch wären wir schmucklos, freudlos, resonanzlos. Wer versteht uns Rauhbeiner besser zu nehmen als Ihr, liebe Damen, mit eurem weit höher entwickelten Feingefühl für alles Menschliche und Unmenschliche! Wir Männer haben ja das denkwürdige Talent zum Porzellanzerschlagen. Ihr, meine Damen, könnt uns vor den schlimmsten Schäden bewahren oder - wenn’s ganz arg kommt - die Bruchstellen besser kitten als wir. Das liegt an Eurem ausgeprägten Einfühlungsvermögen, an Eurer Phantasie und Kreativität.“

2.2. Farbetragen

Nicht alle Studentenverbindungen tragen Farbe. Im Grundsatz kann man feststellen, dass gemäßigtere Verbindungen keine Farben tragen, es gibt aber Ausnahmen von dieser Regel. So ist der Verband der Vereine Deutscher Studenten (VVDSt) ein nicht-farbetragender Verband, obwohl er in mancher Hinsicht dem rechteren Flügel des Verbindungsspektrums angehört.

2.3. Mensur

Die Mensur ist ritualisiertes Fechten mit scharfen Waffen und führt gelegentlich zu Verletzungen („Schmiss“), die aber heute aufgrund spezieller Schutzvorrichtungen nicht mehr gefährlich werden können. Die Mensur ist das Kennzeichen schlagender Verbindungen; es heißt etwa bei den Corps: „Das Fechten dient der Integration in den eigenen Bund, ist ein probates Mittel der Selbstkontrolle und kann als Eintrittskarte in das Corps angesehen werden.“

„Die Mensur ist ein Mittel der Erziehung oder - wenn diese Bezeichnung etwa als zu schulmeisterisch empfunden wird - der Persönlichkeitsentwicklung dadurch, dass sie anleitet zu Mut, Selbstüberwindung, Selbstbeherrschung und Standhalten. Wer auf scharfe Waffen antritt, muß - soldatisch - ausgedrückt - den inneren Schweinehund überwinden, nämlich die (...) Angst. Nicht ‚kniesen‘ oder reagieren verlangt Selbstbeherrschung. ‚Blutige‘ und ihr Flicken tapfer zu ertragen, lehrt Standhalten (...). Die Mensur ist nach Innen ein Bindemittel, ein Integrationsmittel, also ein Mittel zur Verstärkung der Bindung an den Bund und die Brüder. Wer wiederholt auf die Farben seines Corps gefochten, sich dabei bewährt und meist auch kleinere Blutopfer gebracht hat, fühlt sich diesem ritterlichen Männerbunde unvergleichlich enger verbunden, als in aller Regel ein Mitglied irgendeines anderen Vereins sich diesem verbunden fühlt. (...) Die Mensur ist nach Außen ein Abschreckungsmittel, nämlich gegenüber solchen, die es nicht fertigbringen, den ‚inneren Schweinehund‘ zu überwinden, und die wir deshalb in unseren Reihen nicht haben wollen.“
(Joachim Raack, in: Die Wachenburg, 1983)

2.4. Völkisches Denken

Für zahlreiche Studentenverbindungen, insbesondere Burschenschaften, ist völkisches Denken ein zentrales Element ihrer Ideologie. Gemeint ist damit die Ansicht, die Menschheit unterteile sich in verschiedene „Völker“, die sich grundsätzlich und unabänderlich voneinander unterschieden. Dem „deutschen Volk“ kommt dabei eine besondere Rolle zu.

Historisch gewann die völkische Ideologie im deutschen Sprachgebiet große Bedeutung, als Preußen die napoleonische Herrschaft und die Errungenschaften der Französischen Revolution abzuschütteln versuchte. Während das ehemalige Reichsgebiet in zahlreiche Klein- und Kleinststaaten zerfallen war, behaupteten preußische Propagandisten, es gebe eigentlich ein über viele Staaten verstreutes deutsches „Volk“, das gemeinsam den französischen Feind niederzukämpfen berufen sei. Die Idee ergriff die Massen, die völkische Bewegung fegte 1813 im Bündnis mit Russland und Österreich Napoleons Heer hinweg - und es entstand, unmittelbar aus der jungen völkischen Bewegung heraus, die erste Burschenschaft („Jenaer Urburschenschaft“ von 1815).

Schon immer galt in der völkischen Ideologie das Judentum nicht als Religion, sondern als „Volk“. Entsprechend brach auch in den Burschenschaften schon früh ein virulenter Antisemitismus durch. „Wehe über die Juden“, riefen Burschenschafter, als sie beim Wartburgfest im Jahr 1817 neben dem antifeudalen französischen Code Napoleon auch eine Schrift des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher ins Feuer warfen. Im Jahr 1896 gab der Dachverband der Burschenschaften „der Erwartung Ausdruck, daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen die Aufnahme jüdischer Studierender einmütig zusammenstehen werden“.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Burschenschaften wegen ihrer Opposition zu den zersplitterten Feudalaristokratien zeitweise verboten. Dies änderte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte, insbesondere mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871. Studentenverbindungen entwickelten sich zu einem Hort der Reaktion gegen die Weimarer Republik, Verbindungsstudenten organisierten sich in Freikorps und nahmen am Hitler-Putsch vom 9. November 1923 teil. „Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschafter von 1817 (...) gearbeitet haben, ist Tatsache geworden“, hieß es etwa in einer offiziellen Stellungnahme von Burschenschaften zum 30. Januar 1933.

Die Bücherverbrennungen im Mai 1933 wurden auch von Verbindungsstudenten getragen. Ein Bericht aus Halle: „Buntes Mützengewirr auf dem Universitätsplatz und das Braun der SA, wie vielfach auch der feldgraue Rock. Vom Universitätsgebäude weht das Hakenkreuzbanner herab. Inmitten des Platzes erhebt sich der Scheiterhaufen. (...) Links und rechts vom Löwenportal des Hauptgebäudes haben sich die Chargierten mit den Fahnen der Korporationen gruppiert. (...) Der Chor der ‚Fridericiana‘ singt das weihevolle ‚Volk, ans Gewehr‘. Und nun schleudert Hauptamtsleiter Reinhard v. Eichborn symbolisch ein zur Ausmerzung verdammtes Buch in die Flammen. (...) Und lautes ‚Pfui‘ braust über den Platz, wenn Namen erklingen wie Emil Ludwig, Ernst Maria Remarque, Professor Dehn, Professor Gumbel, Siegmund Freud und Magnuss Hirschfeld. (...) Frei ist der Bursch auch wieder im alten Halle; das bewies die Verbrennung der jüdisch-marxistischen Zersetzungsschriften gestern abend vor der Universität.“

Der Gleichschaltung durch die Naziherrschaft, die sie selbst mit herbeigeführt hatten, mussten sich schließlich auch die Studentenverbindungen beugen. Sie wurden in „Kameradschaften“ transformiert und dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) eingegliedert. Manche Studentenverbindungen führten unter dieser Bezeichnung ihre Aktivitäten fort, einzelne konnten sogar während des Krieges neue Mitglieder aufnehmen.

Bald nach der Befreiung wurden Studentenverbindungen von den Besatzungsmächten verboten - wegen ihrer vor 1945 teilweise pronazistischen Positionen. „Die Militärregierung gestattet nicht die Bildung von Korporationen oder Corps alten Stils“, verfügte die britische Besatzungsmacht im November 1945, die US-Behörden zogen im März 1947 nach: „All National Socialist organizations in universities are abolished and will not be permitted to be revived. The revival of other student organizations (especially Verbindungen, Burschenschaften, Korporationen, and their Altherrenbuende) of a nationalistic, reactionary or para-military character will not be permitted.“ Schon gegen Ende der 1940er Jahre jedoch setzten die Westalliierten das Verbot nicht mehr durch, es kam zur Wiedergründung von Studentenverbindungen. Nur in der DDR blieben sie offiziell verboten.

3. Organisationsstruktur/Dachverbände

Unterschiedliche Studentenverbindungen haben sich in unterschiedlichen Dachverbänden organisiert. So sind etwa so gut wie alle Corps entweder im Kösener Senioren Convents Verband (KSCV) oder im Weinheimer Senioren Convent (WSC) organisiert. Sie haben gemeinsame Grundsätze, wobei sich die einzelnen Verbindungen durch Partikulartraditionen unterscheiden können. Burschenschaften sind in aller Regel entweder in der Deutschen Burschenschaft (DB) oder in der Neuen Deutschen Burschenschaft (NDB) organisiert.

Größter Dachverband von Studentenverbindungen ist der Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen (CV). Im Jahr 1997 waren mehr als 120 Verbindungen Mitglied des CV, ihnen gehörten rund 5.500 studierende und rund 26.500 nicht mehr studierende Mitglieder an. Der CV ist ein nicht-schlagender, farbetragender katholischer Dachverband. Katholische Verbände sind auch der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine (KV) mit rund 2.000 studierenden und rund 16.500 nicht mehr studierenden Mitgliedern in 80 Verbindungen sowie der Verband der wissenschaftlich-katholischen Studentenvereine Unitas (UV) mit rund 700 studierenden und rund 6.000 nicht mehr studierenden Mitgliedern in 50 Verbindungen. Ein weiterer bedeutender Dachverband ist die Deutsche Burschenschaft (DB), teilweise schlagend, farbetragend, 1.900 studierende Mitglieder, 13.000 nicht mehr studierende Mitglieder, ca. 90 Verbindungen - alles allein in Deutschland: Der DB gehören eine Reihe weiterer Verbindungen in Österreich an. Einflussreich ist auch der Kösener Senioren Convents Verband (KSCV), in dem etwa 100 Corps zusammengeschlossen sind (pflichtschlagend, farbetragend, 2.200 studierende Mitglieder, 12.000 nicht mehr studierende Mitglieder). Corps gelten als besonders elitär. Zu den bedeutenden Dachverbänden zählt auch der Coburger Convent (CC) mit rund 1.900 studierenden Mitgliedern und rund 11.000 nicht mehr studierenden Mitgliedern in 100 Einzelverbindungen (Landsmannschaften und Turnerschaften).

4. Rechtsradikale Studentenverbindungen

Vor allem unter den Burschenschaften finden sich Einzelverbindungen, die über gute Kontakte zur radikalen Rechten verfügen. Ein gutes Beispiel für eine rechtsradikal durchsetzte Studentenverbindung ist die Burschenschaft Danubia München. Aus ihren Reihen kamen zwei Vorsitzende des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB): Lutz Kuche (1971-73) und Uwe Sauermann (1975-76). Unter Beteiligung der „Danuben“ Hans-Ulrich Kopp (bekannter Politkader der radikalen Rechten) und Alexander Wolf (über längere Zeit Vorsitzender des Altherrenverbandes seiner Burschenschaft) wurde 1989 der Republikanische Hochschulverband gegründet. "Danube" Sascha Jung wirkte in den 1990er Jahren an der Reorganisation des völkischen „Hofgeismarer Kreises“ in der SPD mit. Mitglieder der Danubia bauten die rechtsradikale Zeitung „Junge Freiheit“ mit auf (Frank Butschbacher, Thomas Clement, Hans-Ulrich Kopp, Michael Paulwitz) und waren Redaktionsmitglied der REP-Parteizeitung „Der Republikaner“ (Michael Paulwitz). Außerdem war ein mutmaßliches Mitglied der Danubia, Karl Richter, Redakteur von „Nation & Europa“ und später Chefredakteur von „Opposition“. Im Jahr 2001 geriet die Danubia unter Druck, weil in ihrem Haus ein polizeilich gesuchter neonazistischer Schläger versteckt wurde.

5. Interkorporative Zusammenarbeit

Gemäßigtere Studentenverbindungen behaupten oft, sie hätten mit rechtsradikalen Studentenverbindungen nichts zu tun. Das ist eine Pauschalbehauptung, die durch die Praxis widerlegt wird. So gibt es einerseits in den einzelnen Hochschulstädten eine Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Studentenverbindungen, die gewöhnlich rechtsradikale Studentenverbindungen nicht ausschließt. Beispiele: Etwa der „Marktfrühschoppen“ in Marburg, ein einmal im Jahr stattfindendes volksfestartiges Saufgelage in der Marburger Oberstadt, an dem stets rechtsradikal durchsetzte Studentenverbindungen anwesend sind (etwa die Burschenschaft Rheinfranken Marburg oder die Burschenschaft Normannia Leipzig zu Marburg). Andererseits gibt es eine geregelte interkorporative Zusammenarbeit auf Verbändeebene im CDA/CDK. Der CDA/CDK ist der Zusammenschluss des CDK (Convent Deutscher Korporationsverbände, Zusammenschluss der einzelnen Aktiven-Dachverbände) mit dem CDA (Convent Deutscher Akademikerverbände, Zusammenschluss der einzelnen Altherrenverbände). Im CDA/CDK arbeitet die Deutsche Burschenschaft (DB) mit, ein eindeutig rechtsradikal durchsetzter Dachverband, daneben aber eine ganze Reihe Dachverbände, die eher als gemäßigt einzustufen sind (ATB, NDB, SB, SV, WB).